Klammern am Status quo

Wieso lassen sich ganze Nationen jahrzehntelang von einer Diktatur unterdrücken? Warum trennt sich viele Menschen nicht von einem untreuen Partner? Amerikanische Wissenschaftler präsentieren nun Gründe, warum Menschen an einem Status quo festhalten oder ihn gar unterstützen, obwohl er miserabel und zum Scheitern verurteilt ist.
Viele Menschen rechtfertigen ein bestehendes System, auch wenn eigentlich ersichtlich ist, dass es falsch, ungerecht, korrupt oder einfach zum Scheitern verurteilt ist. Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, haben die beiden Psychologen Aaron Kay und Justin Friesen bereits bestehende Studien verglichen und ausgewertet und sie zu einem einheitlichen Bild zusammengefasst. Dabei kristallisierten sich vier Beweggründe für das Verhalten heraus.

Verteidigung der eigenen Sippe

Wird ein Familienmitglied von einem Fremden kritisiert oder gar angegriffen, neigen wir dazu, uns auf die Seite unseres Verwandten zu stellen. Auch, wenn wir nicht alle seine Eigenschaften gutheißen. Genauso verhält es sich mit der Haltung eines politischen Systems in Krisenzeiten: So waren beispielsweise die Amerikaner Präsident George W. Bush vor dem 11. September 2001 nicht besonders zugetan. Nach den Terroranschlägen auf die Twin Towers standen sie auf einmal hinter ihm ? laut den Wissenschaftlern die Suche nach Halt durch die Politik. Die Bevölkerung suchte also Bestätigung in ihrem bestehenden System, um es verteidigen zu können, um sich so sicher zu fühlen.

System-Abhängigkeit

Je stärker uns die Vorgaben eines Systems betreffen, desto weniger neigen wir dazu uns gegen dessen Ungerechtigkeiten zu wehren. Dieser Zusammenhang geht den Forschern zufolge aus mehreren Studien hervor. So hat beispielsweise eine Befragung unter Studenten gezeigt, dass sie ungerechte Regelungen ihrer eigenen Universität, beispielsweise zur Vergabe von Wohnheimplätzen, eher versuchen zu rechtfertigen, anstatt sich gegen sie zu wehren. Gegen Ungerechtigkeiten im Gesundheitssystem dagegen zeigten sie eine größere Bereitschaft zum Aufstand. Obwohl dieser Bereich die jungen Erwachsenen nur in wenigen Fällen direkt betraf.

Der Glaube, nicht ausbrechen zu können

Die Angst vor dem Verlust eines Partners, Freunden oder der Familie halten viele Menschen davon ab, aus sozialen Gruppen auszubrechen. Einige Studien haben gezeigt, dass dieser Aspekt auch bei politischen System eine Rolle spielen kann: Das konnte eine Forschergruppe durch die Befragung von Probanden belegen. Der einen Gruppe erzählten sie, dass es ab sofort sehr viel leichter sei, auszuwandern, der anderen Gruppe, es sei ab sofort deutlich schwieriger. Anschließend sollten die Probanden ihr eigenes politisches System bewerten. Diejenigen, die Auswandern für schwierig hielten, bewerteten es deutlich positiver als diejenigen, die kaum Hürden sahen, ihre Zelte in ein anderes Land zu verlagern. Wenn wir also glauben, nicht entfliehen zu können, reden wir uns unser System wenigstens schön.

Selbstbestimmung

Nach verschiedenen Forschungsergebnissen streben vor allem Bürger westlich geprägter Länder dazu, ihr Leben selbst zu bestimmen. Ist dieses Gefühl nicht gegeben, da der Staat beispielsweise weitreichende Gesetze erlässt, bewerten die Menschen diese Gesetze als positiv. Auf diese Weise überzeugen sie sich selbst, dass alles seine Richtigkeit hat. Dementsprechend negativ werden Änderungen wahrgenommen. Laut weiteren Studien ist der gleiche Effekt in Bezug auf einzelne Führungspersonen, aber auch auf Produkte zu beobachten.

Insgesamt kommen die beiden US-Forscher zu dem Schluss, dass der Mensch eher dazu neigt, bestehende Systeme zu unterstützen, anstatt sich für einen Wandel einzusetzen.
Welche Situationen aber zu einem Umdenken ? wie beispielsweise dieses Frühjahr im arabischen Raum ? führen, sei noch nicht ausreichend erforscht. Deshalb wollen sich die Psychologen künftig den Gründen, die soziale Veränderungen anstoßen und beschleunigen widmen.
Aaron Kay und Justin Friesen (Duke University, University of Waterloo): Psychological Science, doi: 10.1177/0963721411422059

© wissenschaft.de ? Marion Martin


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