Warum der Eiffelturm von links kleiner ist

Wie hoch schätzen Sie den Eiffelturm? Weniger als 300 Meter? Falls ja ? die tatsächliche Höhe liegt etwas über 324 Meter ? sollte Sie einmal auf Ihre Körperhaltung achten: Es könnte sein, dass Sie leicht nach links tendieren.
Auch wenn das im ersten Moment etwas eigenartig klingt: Niederländische Forscher haben jetzt genau einen solchen Zusammenhang zwischen der Körperhaltung und einer Tendenz zum Unterschätzen von Mengen und Größen nachgewiesen. Dazu hatten sie insgesamt 91 Freiwillige zu einem Schätz-Test gebeten, in dem die verschiedensten Längen, Höhen und andere Größen abgefragt wurden ? etwa die Anzahl der Sprachen, die weltweit existieren, die durchschnittliche Lebenserwartung eines Papageis, die Menge an Müll, die ein durchschnittlicher Niederländer wöchentlich produziert oder die Anzahl an Jeans, die selbiger jedes Jahr kauft.

Heimliche Manipulation per Wii

Während die Probanden ihre Schätzung abgaben, standen sie auf einem Wii-Balance-Board, einem kleinen Kunststoffbänkchen, das mit Drucksensoren ausgestattet ist und misst, wo sich der Körperschwerpunkt gerade befindet. Die Teilnehmer waren angehalten, die gesamte Testdauer über ihren Schwerpunkt möglichst in der Mitte zu halten, was sie über einen Punkt auf einem Monitor kontrollieren konnten. Der Clou daran: In einigen Fällen hatten die Forscher das System so eingestellt, dass der Kontrollpunkt nur dann in der Mitte des Monitors war, wenn sich der Spieler leicht nach links oder nach rechts lehnte. Auf diese Weise gelang es dem Team, die Körperhaltung der Teilnehmer zu manipulieren, ohne dass es diesen bewusst war.

Alle Probanden beantworteten 39 Fragen ? 13 davon bei neutraler Körperposition, 13 mit einer Neigung nach links und 13 mit einer Neigung nach rechts. Anschließend wurden die Mittelwerte gebildet und ausgewertet, ob die Körperhaltung einen Einfluss auf die Schätzwerte hat. Das Ergebnis: Zumindest in einigen Fällen ? immerhin so vielen, dass eine statistische Signifikanz erreicht wurde ? gab es eine klare Tendenz zu niedrigeren Schätzwerten, wenn sich die Teilnehmer nach links lehnten.

Weniger Enkelkinder für die Königin

Der Eiffelturm zum Beispiel bekam von den Probanden mit Linksdrall eine Höhe von durchschnittlich 300 Metern zugesprochen ? diejenigen, die eine gerade Körperhaltung hatten, schätzten ihn dagegen im Schnitt auf 320 Meter. Auch die Anzahl der Enkelkinder von Königin Beatrix variierte beträchtlich: Die neutrale Gruppe und die mit Rechtsneigung kamen im Durchschnitt auf einen Wert von 6,2 und 6,3, während die nach links Lehnenden nur 5,8 Enkelchen zählten.

Dahinter steckt vermutlich ein Effekt, der als Embodiment bezeichnet wird: Körperliche Signale und selbst komplexe und abstrakte Denkvorgänge hängen eng zusammen und können sie gegenseitig beeinflussen ? und zwar sehr viel stärker, als Psychologen lange Zeit angenommen haben. Im vorliegenden Fall ist der Schlüsselfaktor offenbar die Art, wie sich das Gehirn Zahlen vorstellt: Es scheint eine horizontale geistige Linie zu erzeugen, auf der die kleineren Zahlen links und die größeren weiter rechts angeordnet sind. Lehnt man nun seinen Körper nach links, überträgt sich das auf dieses Modell ? mit der Folge, dass die kleineren Zahlen schlicht näher liegen und deswegen häufiger verwendet werden. Und das ist beim Abschätzen von Größen deswegen von Bedeutung, weil Menschen immer erst einmal in ihrem internen Speicher nach einer möglichen Bezugs- oder Vergleichsgröße kramen, die sie für ihre Schätzung verwenden können.

Kein Einfluss von rechts

Der einzige Einflussfaktor kann die Körperhaltung übrigens nicht sein: Zum einen hat es keinen eindeutig erkennbaren Einfluss auf die Größen, wenn man sich nach rechts lehnt. Das könnte daran liegen, dass an der aktuellen Studie ausschließlich Rechtshänder teilnahmen, die ohnehin schon einen leichten Drall nach rechts haben. Es könnte aber auch sein, dass es andere Faktoren gibt, die einen möglichen Rechtseffekt abschwächen oder überdecken, sagen die Forscher. Und zum anderen gibt es durchaus Fragen, bei denen die nach links geneigten Probanden deutlich höhere Zahlenwerte schätzten als die anderen beiden Gruppen ? und wie das zustande kommt, dazu schweigen sich die Forscher bisher aus.
Anita Eerland (Erasmus Universiteit, Rotterdam) et al.: Psychological Science, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1177/0956797611420731

© wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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