Das Ende allen Specks, Teil 2

Die Pille gegen Hüftgold rückt in greifbare Nähe: Nachdem eine US-Forschergruppe vor etwa sieben Jahren übergewichtige Mäuse per Medikament von ihren Fettpolstern befreit hatte, ist ihr nun das Gleiche bei Rhesusaffen gelungen. Dabei klingt der Ansatz nach wie vor fast zu schön, um wahr zu sein: Der Wirkstoff zerstört gezielt die feinen Blutgefäße, die das Fettgewebe versorgen, und hungert damit die Fettzellen buchstäblich aus. Das lässt nicht nur die unerwünschten Pölsterchen dahinschmelzen, sondern regt gleichzeitig den Stoffwechsel an, ohne dass eine Ernährungsumstellung oder ein lästiges Sportprogramm notwendig wären. Die Wissenschaftler sind sehr optimistisch, mit diesem Ansatz auch beim Menschen punkten zu können. Die Mäusestudie sei damals eher eine Art grundsätzlicher Test des Funktionsprinzips gewesen, erläutern sie ? die Affen seien dem Menschen jedoch so ähnlich, dass die Ergebnisse mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit übertragbar seien.
Das Wirkprinzip der potenziellen Anti-Übergewichts-Pille, von den Forschern "Adipotide" getauft, ist so einfach wie genial: Sie greift direkt das Fettgewebe an und stört so weder den Stoffwechsel noch die fein abgestimmte Regulation von Appetit und Sättigungsgefühl im Gehirn oder die komplexe Absorption von Nährstoffen im Darm. Alle anderen aktuell verfügbaren Wirkstoffe machen genau das ? und haben entsprechend schwerwiegende Nebenwirkungen.

Grundsätzlich besteht das Medikament aus zwei Teilen: Der erste ist ein kleines Proteinfragment, das sozusagen als Adressaufkleber fungiert. Es ist dafür zuständig, dass der Wirkstoff nur in Blutgefäße mit einer ganz bestimmten Postleitzahl ? einem speziellen Muster an Eiweißmolekülen auf der Oberfläche ? geliefert wird. In diesem Fall ist der Aufkleber so entworfen, dass nur Blutgefäße in Fettgewebe angepeilt werden. Der andere Teil wird erst aktiv, wenn der Wirkstoff am Zielort, den Blutgefäßzellen, angekommen ist: Er dockt an ein bestimmtes Oberflächenprotein an, wird daraufhin von den Zellen in ihr Inneres transportiert und löst dort dann ein Selbstmordprogramm aus. Die Folge: Die Blutgefäße sterben ab, die Fettzellen werden nicht mehr mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt und gehen ebenfalls unter.

Bei Mäusen und auch bei Ratten hat sich dieses Prinzip bereits mehrfach bewährt: Bis zu 30 Prozent ihres Körpergewichts können sie in einer nur vierwöchigen Kur abnehmen, hatten frühere Studien bereits gezeigt. Allerdings gibt es ein Problem: Der Stoffwechsel und die Regulation des Körpergewichts funktioniert bei Nagetieren völlig anders als beispielsweise beim Menschen. Aus den Mäuse- und Rattenergebnissen lässt sich daher nicht verlässlich schließen, ob der Ansatz auch beim Menschen funktionieren könnte, auch wenn es dort ähnliche Oberflächenproteine gibt. Anders sieht es jedoch bei Versuchen mit Affen aus: Deren Stoffwechselregulation entspricht in weiten Teilen der beim Menschen. Wenn der Wirkstoff also bei ihnen funktioniert, sollte er auch den menschlichen Fettpolstern den Garaus machen können.

Genau das sollte die neue Studie zeigen, in der insgesamt zwölf Rhesusaffen jeweils vier Wochen lang täglich eine Injektion mit dem neuen Wirkstoff bekamen. Das Besondere: Es handelte sich nicht um künstlich fett gezüchtete Tiere, sondern um Affen, die sich von ganz alleine Übergewicht angefuttert hatten ? sie waren eher bewegungsfaul und fraßen mehr als ihre Artgenossen, ein optimales Modell für den Menschen also.

Das Resultat der Behandlung war auch hier vielversprechend: Die Tiere nahmen im Schnitt Prozent ihres Körpergewichts ab, ihr Taillenumfang verringerte sich, und der Anteil Fett in ihrem Bauchraum, der als besonders gesundheitsgefährdend gilt, ging ebenfalls zurück. Gleichzeitig schien sich ihr Stoffwechsel von der Belastung durch das Übergewicht zu erholen: Ihr Blutzuckerspiegel geriet wieder ins Gleichgewicht und auch ihre Blutfettwerte wurden besser. Der positive Trend hielt auch drei Wochen nach Ende der Behandlung an, erst danach kehrte er sich langsam wieder um. Bei schlanken Affen hatten die Injektionen dagegen praktisch keinen Einfluss auf das Körpergewicht.

Allerdings gab es in beiden Gruppen Nebenwirkungen: Während der Behandlung tauchten leichte bis mittelschwere Nierenprobleme auf, berichten die Forscher. Sie bildeten sich nach Ende der Injektionen zwar weitgehend zurück, verschwanden jedoch nicht bei allen Tieren vollständig. Möglicherweise lässt sich dieses Problem aber mit einem leicht modifizierten Design des Wirkstoffs beheben, glauben die Wissenschaftler. Sie planen aktuell eine erste klinische Studie mit übergewichtigen Prostatakrebspatienten und wollen dabei unter anderem testen, ob der Verlauf der Krankheit durch eine Gewichtsreduktion beeinflusst werden kann.
Kirstin Barnhart (University of Texas, Houston) et al.: Science Translational Medicine, Bd. 3, Nr. 108, Artikel 108ra112

© wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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