Und es war doch die Pest

Seit einiger Zeit spekulieren Wissenschaftler, ob es sich bei dem "Schwarzen Tod", der im Mittelalter vermutlich 25 Millionen Menschen das Leben kostete, tatsächlich um die Pest handelte. Erst Ende vergangenen Jahres hatte eine Forschergruppe rund um Stefanie Hänsch von der Universität Mainz einen vorläufigen Schlussstrich unter die Debatte ziehen können: Die Forscher wiesen das Bakterium Yersinia pestis zweifelsfrei als Erreger des Schwarzen Todes nach. Jetzt hat ein internationales Forscherteam einen weiteren Hinweis darauf entdeckt, dass Mitte des 14. Jahrhunderts eine Variante des heute bekannten Bakteriums in Europa grassierte ? und zwar eine Form, die sich deutlich schneller verbreitete und auch schneller zum Tod führte als die aktuelle Version des Erregers.
Als Auslöser für die Pest hatten die Menschen im Spätmittelalter zunächst Ratten und vielerorts auch Juden im Verdacht, die angeblich absichtlich das Trinkwasser verunreinigten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts war mit der Entdeckung des Bakteriums Y. pestis dann scheinbar der wahre Verursacher gefunden. Da heutige Pesterkrankungen aber zu weit weniger Todesfällen ? weltweit etwa 2.000 pro Jahr ? führen und auch die Verbreitung der Seuche sehr viel langsamer abläuft, diskutieren Wissenschaftler seit einiger Zeit auch Krankheiten wie Pocken, Fleckfieber und Cholera als Verursacher des Schwarzen Tods. 2010 untersuchten Mainzer Wissenschaftler zusammen mit Kollegen dann über 70 Skelette aus mutmaßlichen Pestgruben in Deutschland, England, Frankreich, den Niederlanden und Italien. Dabei stießen sie auf zwei bislang unbekannte Varianten des Erregers, von denen einer in Asien isoliert wurde und der andere nicht mehr existiert. Das Mainzer Team schließt daraus, dass es sich bei der Pandemie von 1347 bis 1353 um einen sehr viel aggressiveren Vorfahr der heutigen Pest-Varianten handelt.

In der neuen Studie hat nun ein internationales Team um die Tübinger Archäologin Verena Schünemann 109 Skelette eines Londoner Massengrabs aus den Jahren 1347 bis 1351 mit zehn Skeletten verglichen, die vor der Pandemie beerdigt wurden. Die Ergebnisse ähneln denen der Mainzer Kollegen: Aus Knochen und Zähnen der mutmaßlichen Pestopfer isolierten die Forscher die DNA des Bakteriums Yersinia pestis und stellten dabei fest, dass sie sich an zwei Stellen von der moderner Pest-Bakterien unterscheidet.

Auch wenn die Pest heute nicht mehr zu den gefährlichsten Krankheiten gehört, sehen die Wissenschaftler in ihrer Untersuchung einen wichtigen Baustein, um die Verbreitung von Epidemien und die Variabilität von Erregern besser nachvollziehen zu können. Aufgrund der zunehmenden Globalisierung und damit auch der Übertragungswege sowie häufigen Resistenzen gegen Antibiotika werde die Bedeutung solcher Kenntnisse in Zukunft zunehmen.
Verena Schünemann (Universität Tübingen) et al.: PNAS, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1073/pnas.1105107108

wissenschaft.de ? Marion Martin


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