Widerstandskraft aus der Steinzeit

Ein Großteil der Menschheit verdankt sein robustes Immunsystem wahrscheinlich steinzeitlichen Intimitäten: Laut einer aktuellen Studie gelangten bestimmte für die körpereigene Abwehr wichtige Gene durch die Vermischung mit Neandertalern und Denisova-Menschen in das Erbgut heutiger Menschen außerhalb Afrikas. Peter Parham von der Stanford University und seine Kollegen konnten durch Erbgutanalysen Rückschlüsse auf die Entwicklungsgeschichte der sogenannten HLA-Gene ziehen. Die Forscher vermuten, dass der moderne Mensch auf dem Weg aus seiner Heimat Afrika Formen der HLA-Gene erwarb, die den in Eurasien ansässigen archaischen Menschen Widerstandskraft gegen die lokalen Krankheitserreger verliehen. Spuren der urtümlichen HLA-Gene seien in mehr als der Hälfte der modernen Menschen außerhalb Afrikas nachweisbar, sagen die Wissenschaftler.
Die Vorfahren des Neandertalers und seines nahen Verwandten, des Denisova-Menschen, kamen nach derzeitigem Stand der Wissenschaft bereits vor 800.000 bis 400.000 Jahren aus Afrika Nach Europa und Asien. Hier entwickelten sie sich zu eigenständigen Menschenformen, die bis vor etwa 30.000 Jahren existierten. Unterdessen verließ der frühe moderne Mensch seinen Heimatkontinent Afrika vor etwa 80.000 bis 50.000 Jahren und wanderte in die Lebensräume seiner urtümlichen Verwandten ein.

Aus dieser zeitlichen Überschneidung ergibt sich eine Frage, die schon lange unter Anthropologen diskutiert wird: Haben sich die Menschenformen vermischt? 2010 konnte dies mit einem klaren "Ja" beantwortet werden, denn es ist Wissenschaftlern gelungen, das Erbguts des Neandertalers und auch des Denisova-Menschen aus DNA-Resten in Fossilen Knochen zu rekonstruieren. Vergleiche zeigten dann, dass Vermischungen der archaischen Menschenformen mit dem modernen Menschen stattgefunden haben müssen. Manche Menschen tragen demnach bis zu vier Prozent Neandertaler-Erbgut beziehungsweise bis zu sechs Prozent aus dem Erbe des Denisova-Menschen.

Im Rahmen der aktuellen Studie blickten die Forscher nun gezielt auf Gene, von denen bekannt ist, dass sie eine wichtige Funktion im Immunsystem erfüllen: den HLA-Genen. Sie sind beispielsweise entscheidend dafür, dass die körpereigene Abwehr zwischen eigenem und fremdem Gewebe unterscheiden kann. Durch den Vergleich der GEN-Varianten von Neandertaler und Denisova-Mensch mit denen heutiger Bevölkerungsgruppen wurde eine klarE geografische Verteilung dieser Erbanlagen deutlich: Einschlägige Ähnlichkeiten zwischen den Gen-Formen fanden die Wissenschaftler nur bei Menschen außerhalb Afrikas.

Der Befund fügt sich in die derzeitigen Vorstellungen über die Frühgeschichte des Menschen: Erst nach der Auswanderung aus Afrika kam es zu Rendezvous zwischen den unterschiedlichen Menschenformen. Ihre gemeinsamen Nachkommen verbreiteten sich dann weiter über die Erde. Bei diesem Eroberungszug erwies sich das Erbe aus den Kreuzungen offenbar als stärkend für die Widerstandskraft und blieb deshalb im Genom verankert. "Die steinzeitliche Liaison bereicherte den Genpool des modernen Menschen", resümiert Peter Parham.
Laurent Abi-Rached (Stanford University) et al.: Science Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1126/science.1209202

wissenschaft.de - Martin Vieweg


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