Das Christkind, das Krieg bringt

 Die Wettererscheinung hat globale Auswirkungen - im Bild auf alle rot markierten Länder - auch auf das dort herrschende Konfliktpotenzial, das um 100 Prozent ansteigt.
Die Wettererscheinung hat globale Auswirkungen - im Bild auf alle rot markierten Länder - auch auf das dort herrschende Konfliktpotenzial, das um 100 Prozent ansteigt.
Das Klimaphänomen El Niño macht alle zwei bis sieben Jahre den Ländern Süd- und Mittelamerikas, aber auch Afrika, Indonesien und Südostasien zu schaffen. Wissenschaftler können nun statistisch belegen, dass nicht nur Fischbestände und Pflanzen unter der mit El Niño einhergehenden trockenen Hitze zu kämpfen haben, sondern auch die Menschen ? und zwar im wörtlichen Sinn. Denn in den Jahren, in denen El Niño auftritt, haben betroffene Länder ein doppelt so hohes Risiko für gesellschaftspolitische Unruhen und Bürgerkriege wie in kühleren Jahren, die vom Wetterereignis La Niña geprägt sind.
El Niño, zu Deutsch "das Christkind", besitzt zwar einen nach Frieden und Harmonie klingenden Namen. Doch das um die Weihnachtszeit auftretende Wetterphänomen sorgt immer wieder für Probleme: extreme Regenfälle, aber auch Dürren. In Abständen von etwa zwei bis sieben Jahren kommt dabei die Durchmischung des kalten und nährstoffreichen Tiefenwassers mit dem warmen Oberflächenwasser vor der Küste Südamerikas zum Erliegen. Fische und andere Meerestiere wandern in andere Gebiete ab, in den sonst trockenen Küstenregionen kommt es zu schweren Regenfällen und Überschwemmungen. Das hat wiederum Auswirkungen auf weiter entfernte Gebiete: In Indonesien und im Amazonasbecken beispielsweise regnet es deutlich weniger, und es entstehen vermehrt Waldbrände. Gleiches gilt für Australien und einige Gebiete Afrikas.

Ein dreiköpfiges Wissenschaftlerteam um Mark Cane von der Columbia University in New York verglich 93 Länder, die von Auswirkungen des Phänomens betroffen sind, mit 82 Ländern, deren Wetter aufgrund ihrer geografischen Lage nicht von El Niño beeinflusst wird. Anhand von Daten aus den Jahren 1950 bis 2004 ermittelten sie zunächst ein weltweites Konfliktrisiko. Laut den Forschern liegt die Wahrscheinlichkeit für gewaltauslösende Konflikte in kühleren La-Niña-Jahren bei etwa drei Prozent. In El-Niño-Jahren war das Risiko für solche Konflikte doppelt so hoch, es lag bei sechs Prozent. In nicht von den Wetterphänomenen betroffenen Ländern blieb die Zahl der Konflikte in etwa gleich. Würde diese Länder ständig unter Bedingungen leben, wie sie La Niña mit sich bringt, könnte die Zahl der Konflikte um etwa 21 Prozent reduziert werden, errechneten die Forscher - im ausgewerteten Zeitraum entspräche das 48 Konflikten und Kriegen.

Damit haben die Wissenschaftler erstmals einen klaren Hinweis auf einen direkten Zusammenhang zwischen einer globalen Wettererscheinung und der Stabilität moderner Staaten gefunden. Allerdings zeigte sich auch, dass vor allem arme Länder betroffen sind. In politisch und wirtschaftlich stabilen Staaten wie Australien kam es trotz des Einflusses der Wetterveränderungen nicht zu vermehrten Konflikten.

Genau diesen Punkt greift Andrew Solow, tätig für das Marine Policy Center in Massachusetts, in einem Kommentar ebenfalls im Fachmagazin "Nature" veröffentlichten zu der Untersuchung an: Er vermisse gesellschaftspolitische Informationen, um die verwendeten Daten zu unterfüttern. ?El Niño führt zu wärmeren und trockeneren Bedingungen, die wiederum eine schlechte Ernte verursachen und demzufolge die Verfügbarkeit von Nahrung einschränken?, gibt er zu bedenken.. El Niño sei also nur indirekt der Auslöser für die Konflikte. Allerdings pflichtet er Canes Team in der Vermutung bei, dass einige Konflikte durch El Niño vorzeitig ausbrachen, da sie bereits bestehende Missstände verstärkten. Da El Niño mittlerweile recht zuverlässig vorausgesagt werden kann, könnten in Zukunft entsprechende Vorkehrungen zur Stabilität gefährdeter Staaten getroffen werden.
Salomon Hsiang (Columbia University, New York) et al.: Nature, Bd. 476, S. 438

wissenschaft.de ? Marion Martin


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