Diabetes auf dem Vormarsch

Derzeit sind etwa 350 Millionen Menschen an Diabetes mellitus erkrankt, mehr als doppelt so viele wie im Jahr 1980. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie internationaler Forscher, die Gesundheitsdaten von 2,7 Millionen Menschen weltweit ausgewertet haben. Demnach hat es fast in jeder Region der Erde eine Zunahme von Diabetes-Erkrankungen gegeben. Projekte mit dem Ziel, eine Abnahme der Erkrankungszahlen zu erreichen, misslangen bisher, betonen die Forscher. Jedes Jahr sterben nun etwa drei Millionen Menschen an den Folgen der im Volksmund ?Zuckerkrankheit? genannten Fehlfunktion der Bauchspeicheldrüse. ?Blutdruck und hohe Cholesterin-Werte haben in den letzten Jahren abgenommen, dafür macht sich nun Diabetes mehr und mehr breit?, resümiert Studienleiter Majid Ezzati vom Imperial College London.
Die Studie ist die bisher umfangreichste zur weltweiten Verbreitung von Diabetes. Frühere Untersuchungen kamen zu wesentlich niedrigeren Zahlen: Eine Analyse aus dem Jahr 2009 schätzte die Verbreitung noch auf 285 Millionen Diabetiker weltweit. Die aktuelle Hochrechnung zeigt den Forschern zufolge nun aber das tatsächliche Ausmaß und belegt den beunruhigenden Trend der letzten Jahrzehnte:1980 waren 153 Millionen Menschen betroffen, im Jahr 2008 bereits 347 Millionen. Das Bevölkerungswachstum und die Zunahme des Durchschnittsalters in vielen Ländern machen etwa 70 Prozent des Anstiegs aus. 30 Prozent sind dagegen das Resultat einer stärkeren Ausbreitung der Erkrankung, sagen die Wissenschaftler.

Der Analyse zufolge ist Diabetes bei den Bewohnern der Pazifischen Inseln am häufigsten. Weitere Hochburgen der Zuckerkrankheit sind beispielsweise Lateinamerika, der mittlere Osten und die USA. Am positiven Ende der Skala finden sich Staaten in Südostasien. Auch in Europa ist Diabetes eine Volkskrankheit. Eine kürzlich erschienene Langzeitstudie belegt die Lage in Deutschland im Detail: Innerhalb von nur acht Jahren wurde bei rund zwei Millionen Menschen die Zuckerkrankheit neu diagnostiziert. Waren im Jahr 2000 noch 5,36 Millionen Deutsche wegen Diabetes in Behandlung, so stieg diese Zahl kontinuierlich auf 7,33 Millionen im Jahr 2007 an.

Die ebenfalls wachsende Zahl von übergewichtigen Menschen weltweit sehen die Forscher als Hauptursache für die Zunahme von Diabetes. Genetische Veranlagung, falsche Ernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht, sind Experten zufolge der Nährboden für eine Fehlfunktion der Bauchspeicheldrüse mit dem Resultat einer Diabetes-Erkrankung. Bei der Stoffwechselstörung kommt es zum partiellen oder vollständigen Ausfall der Produktion körpereigenen Insulins. Durch das Fehlen dieses Proteinwerkzeugs sind Körperzellen nicht mehr in der Lage, Zucker zu verarbeiten. Dadurch verbleibt er im Blut ? die Blutzuckerwerte steigen mit fatalen Folgen für viele Organe.

Experten unterscheiden zwei Haupttypen der Krankheit: Fällt die körpereigene Insulinproduktion durch bestimmte Defekte schon früh im Leben aus, spricht man von Diabetes Typ 1. Der Anstieg der weltweiten Diabetes-Erkrankungen ist allerdings auf den Typ 2 zurückzuführen. Diese Form der Zuckerkrankheit beruht auf einer sogenannten Insulinresistenz. Die Zellen, die den Blutzucker aufnehmen sollen, sprechen kaum auf Insulin an, sodass der Körper zu Beginn der Erkrankung mehr produziert. Diese Überproduktion kann die Bauchspeicheldrüse aber auf Dauer nicht durchhalten und die Insulin-produzierenden Zellen sterben ab. Im fortgeschrittenen Stadium müssen die Betroffenen dann Insulin spritzen, um Schäden durch den hohen Zuckergehalt des Blutes zu verhindern.
Majid Ezzati vom Imperial College London et al.: ?The Lancet?, DOI:10.1016/S0140-6736(11)60679-X

wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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