Aufrechte Kämpfer

Wer aufrecht steht, kann kräftiger zuschlagen, als wenn er auf allen Vieren hockt. Dabei empfiehlt es sich, immer von oben nach unten zu hauen ? dabei lässt sich nämlich dreimal so viel Kraft in den Schlag legen wie bei einer Bewegung von unten nach oben. Das ist die Essenz eines Tests, den der US-Biologe David Carrier mit 15 erfahrenen Boxern und Kampfsportlern durchgeführt hat. Die Schlussfolgerungen, die er aus den Ergebnissen zieht, sind allerdings sehr grundlegender Natur: Die Vorteile des aufrechten Kämpfens waren seiner Ansicht nach groß genug, um der entscheidende Selektionsfaktor für den aufrechten Gang zu sein. Hochgewachsene, aufrecht stehende Männer hätten demnach praktisch jeden Kampf gegen kleinere Konkurrenten gewonnen und seien damit äußerst gut darin gewesen, ihre Gefährtinnen, ihre Ressourcen und ihren Nachwuchs zu verteidigen ? eine Fähigkeit, die möglicherweise die auch heute noch verbreitete Vorliebe von Frauen für große Männer erklärt. Dass Kämpfen im Stehen tatsächlich grundsätzlich von Vorteil ist, sehe man auch im Tierreich, erläutert der Biologe: Eine ganze Reihe von Tieren, die normalerweise auf allen Vieren laufen, richtet sich fürs Kämpfen auf, darunter Ameisenbären, diverse Katzenvarianten, Hunde, Füchse und Wölfe, Bären, Vielfraße, Pferde, viele Nagetiere und natürlich die Menschenaffen.
Carrier ließ seine Testpersonen jeweils im normalen zweibeinigen Stand und auf allen Vieren einen Sandsack vermöbeln, und zwar mit vorwärtsgerichteten und seitlichen Schlägen. Zusätzlich mussten die Probanden, wiederum aus beiden Positionen, von oben und von unten auf eine gepolsterte Platte einschlagen, die mit einem Hebel gekoppelt war. In allen Fällen maß der Biologe Arbeit und Kraft, die Sandsack und Platte bei den Schlägen abbekamen. Das Ergebnis: Im Stehen schlugen die Tester grundsätzlich härter zu. Ihre zur Seite gerichteten Schläge waren 64 Prozent und die nach vorne zeigenden 48 Prozent kräftiger, nach unten schafften sie 44 Prozent mehr und nach oben 48 Prozent mehr Kraft als aus dem Vierfüßerstand. Besonders beeindruckend sei der Vergleich von nach unten und nach oben gerichteten Schlägen gewesen, sagt Carrier: Bei den Schlägen, die von oben nach unten geführt wurden, erzeugten die Männer mehr als dreimal so viel Kraft wie in der Gegenrichtung.

Seinen Ursprung hat dieser Effekt in der Geschichte des Menschen, glaubt Carrier. Die frühen Menschenvorfahren liefen ähnlich wie die heutigen Menschenaffen auf allen Vieren, eine Fortbewegungsart, auf die sich die Muskulatur mit der Zeit einstellte. Als die Vormenschen sich dann aufrichteten, konnten sie die alten Bewegungen, die sie zum Rennen und Springen verwendet hatten, für andere Zwecke einsetzen ? unter anderem zum Verprügeln von Konkurrenten. Die Bevorzugung bestimmter Bewegungen passe dabei zum Muster der Kräfteverhältnisse, die für das Laufen auf allen Vieren benutzt wurden. Zudem könne im Stehen der gesamte Bewegungsspielraum der Arme ausgenutzt werden, wohingegen einem auf Händen und Knien hockenden Menschen nur einen Teil dieses Spielraums zur Verfügung steht. Und schließlich lasse sich im Stehen auch besser Energie vom Torso und den Beinen auf die Arme übertragen als in der hockenden Vierfüßerposition, in denen ein Arm ja immer das Körpergewicht mit halten muss.

Carrier geht in seiner Interpretation jedoch noch weiter: Die Vorteile des Kämpfens im Stehen lassen sich seiner Ansicht nach nicht nur durch den Übergang zum aufrechten Gang erklären, sie sind sogar der Grund oder zumindest einer der Gründe dafür. Denn für den Menschen als grundsätzlich gewaltbereite Spezies waren Kämpfe gegen seine Artgenossen an der Tagesordnung, und der Gewinner hatte nicht nur mehr Zugang zu Essen und anderen Ressourcen, sondern auch bessere Karten bei den Frauen ? schließlich konnte er sie besser verteidigen und schützen. Das, glaubt Carrier, führte im Lauf der Evolution schließlich dazu, dass die Frauen immer häufiger aufrecht stehende und möglichst große Männer als Partner wählten und deren Gene sich damit nach und nach immer mehr durchsetzten. Er hält das sogar für wichtiger, um die Attraktivität hochgewachsener Männer zu erklären, als die Annahme, die körperliche Größe spiegele "gute Gene" wider ? sie sei also ein Zeichen für Gesundheit und körperliche Stärke.
David Carrier (University of Utah): PLoS One, Online-Veröffentlichung vom 18. Mai

wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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