Krumm, aber warum?

Dass der Schaft des Oberschenkelknochens beim Neandertaler viel stärker nach außen gekrümmt war als beim anatomisch modernen Menschen, kann nicht nur das Ergebnis einer Lebensweise sein, die ?auf die Knochen ging?. Die Krummbeinigkeit dürfte auch ein spezifisches evolutionär erworbenes Merkmal des eiszeitlichen Menschenvetters sein. Dies fand eine Anthropologin bei einem breit angelegten statistischen Vergleich der Oberschenkelknochen von Neandertalern, frühmodernen Menschen und vollständig anatomisch modernen Menschen. Bereits der frühmoderne Mensch, der unter denselben harten Bedingungen ums Überleben kämpfen musste wie die letzten Neandertaler, hatte ähnlich gerade Oberschenkelknochen wie heutige Menschen, berichtet Isabelle de Groote vom Department of Anthropology des University College London.
Neandertaler unterschieden sich vom anatomisch modernen Menschen am auffälligsten durch ihren Überaugenwulst und die vorspringende Nasenpartie. Doch auch ihr Skelettbau zeigte Unterschiede, obgleich diese Merkmale grundsätzlich in der Variationsbreite auch des modernen Menschen liegen ? zum Beispiel die generell gedrungene Gestalt, tonnenförmiger Brustkorb, massive Gelenke und stark gekrümmte Oberschenkelknochen. Bislang galt die Hypothese, dass diese Krümmung auch bei den frühmodernen Menschen vorlag, die vor etwa 40.000 Jahren nach Europa einwanderten: Sie sei eine Folge des harten Lebens der Großwildjäger während der Kaltphase der Eiszeit gewesen ? gedrungene, robuste Staturen mit extrem entwickelter Muskulatur seien damals begünstigt gewesen, inklusive Krümmung von Röhrenknochen.

Diese Hypothese wollte die Londoner Forscherin mit einer von ihr entwickelten Methode überprüfen, der sogenannten 3D-geometrisch-morphometrischen Analyse. Diese Methode gründet auf bestimmten anatomischen Fixpunkten (?Landmarks?) auf der Knochenoberfläche und vermeidet nach Aussage der Forscherin die Messfehler früherer Arbeitsgruppen, die die Krümmungsradien von Röhrenknochen ohne Größenkorrekturen aufgenommen hatten. De Groote vermaß mit ihrem Verfahren 421 Oberschenkelknochen. 6 davon stammten von Neandertalern, 10 von frühmodernen Menschen und der Rest von anatomisch modernen Menschen von der Mittelsteinzeit bis zum 19. Jahrhundert.

Das Resultat: Die Frühmodernen unterschieden sich in der Krümmung ihrer Oberschenkelknochen signifikant von den Neandertalern. Sie glichen unter diesem Aspekt bereits den vollständig modernen Menschen späterer Jahrtausende. ?Frühmoderne Menschen und Neandertaler unterschieden sich höchstwahrscheinlich nicht in ihrem Lebensstil?, argumentiert Isabelle de Groote. ?Ihr Skelett war daher wohl dem gleichen Stress ausgesetzt.? Somit, folgert sie, lässt sich die statistisch signifikante höhere Krümmung des Knochens beim Neandertaler zumindest nicht nur auf das raue Leben eines Eiszeitjägers zurückführen. Weitere Faktoren aus der Neandertaler-Evolution müssten hinzukommen: zum Beispiel eine lange andauernde natürliche Selektion als Antwort auf Umweltbedingungen, grundsätzliche Verhaltensunterschiede oder eine genetische Drift ? eine zufällige Verschiebung im Gen-Pool der archaischen Menschenvettern.
Isabelle de Groote (University College London): Journal of Human Evolution, Online-Vorabveröffentlichung. doi: 10.1016/j.jhevol.2010.09.009

wissenschaft.de ? Thorwald Ewe


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