Warum die Herdenältesten das Sagen haben

Weisheit kommt auch bei Elefanten mit dem Alter: Reife Leitkühe treffen bessere Entscheidungen für die Herde als junge Elefanten-Chefinnen. Das schließt ein internationales Forscherteam aus Beobachtungen von freilebenden Elefanten in Kenia. Wenn Löwen die Jungtiere der Gruppe bedrohen, schätzen die älteren Elefantendamen das Gefahrenpotenzial demnach genauer ein und veranlassen die entsprechenden Verteidigungsmaßnahmen ihrer Herde. Zeigen konnten die Forscher das, indem sie den Tieren verschiedene Aufnahmen von Rufen hungriger Löwen vorspielten. Elefanten-Jungtiere sind besonders von männlichen Löwen bedroht, deren Rufe die erfahrenen Leitkühe zuverlässig erkennen und im Vergleich zu dem Gebrüll von Löwinnen als größere Bedrohung einstufen konnten. Der Nutzen durch den Erfahrungsschatz älterer Tiere sei vermutlich ein Grund für die Langlebigkeit der Rüsseltiere - ein Grundprinzip, das sich auch beim Menschen wiederfinde, schreibt das Team.
Afrikanische Elefanten können in freier Wild bahn ein Alter von etwa 70 Jahren erreichen. Sie leben in Herden von durchschnittlich zehn Kühen und deren Jungtieren, während männliche Elefanten als Einzelgänger umherziehen. Angeführt wird eine Elefantenherde stets von einer Leitkuh, die ihre Führungsrolle bis zum Tode beibehält. Eine Clan-Chefin muss wichtige Entscheidungen für die Gemeinschaft treffen, beispielsweise welche Richtung eingeschlagen werden soll oder welche Verteidigungsstrategie gegenüber Raubtieren angebracht ist. Handelt es sich beispielsweise um einen potenziellen Angriff durch Löwen, muss die Anführerin beachten, dass erwachsene Elefanten zwar nicht bedroht sind, wohl aber die Jungtiere. Es empfiehlt sich also, einen Verteidigungsring aus ausgewachsenen Tieren mit den Jungtieren in der Mitte zu bilden.

Die Biologen interessierten sich nun dafür, ob die Erfahrung einer Leitkuh die gewählte Verteidigungsstrategie beeinflusst. Dazu untersuchten sie 39 Elefantenherden im Amboseli National Park in Kenia. Das Alter der Leitkühe konnten sie anhand von körperlichen Merkmalen verlässlich einstufen. Im Rahmen der Studie verglichen sie das Verhalten von Patriarchinnen über 60 Jahren mit dem jüngerer Leitkühe, während ihnen Löwenlaute per Lautsprecher vorgespielt wurden. Die Reaktion der Tiere dokumentierten die Wissenschaftler dann durch Fernglasbeobachtungen und Videoaufnahmen.

Unabhängig vom Alter gaben alle Leitkühe ihrer Gruppe Signale, die von der Anzahl der verschiedenen Löwenlaute abhingen: Je mehr Löwen auf den Aufnahmen zu hören waren, desto deutlicher machte die Chefin auf die Bedrohungslage aufmerksam. Die Erfahrung der Anführerinnen spiegelte sich jedoch in ihrer Reaktion auf die Art der Laute wider: Die älteren Tiere versetzten ihre Herden beim Gebrüll eines männlichen Löwen stärker in Alarmbereitschaft als bei dem einer Löwin, während die jüngeren diesen Unterschied kaum oder gar nicht machten. Offenbar konnten die reiferen Leitkühe aufgrund ihrer Lebenserfahrung die Laute männlicher Löwen mit einer größeren Bedrohung gleichsetzen, sagen die Forscher.

Bisher hatten Biologen lediglich vermutet, dass die Erfahrung der Leitkuh den Erfolg einer Elefantenherde prägt. Die Studie belegt McComb und ihren Kollegen zufolge diesen Effekt nun zum ersten Mal experimentell. Die Forscher betonen dabei die Ähnlichkeit der Elefanten-Sozialstruktur zu menschlichen Gemeinschaften: Auch Menschen seien ähnlich langlebige soziale Lebewesen, und auch hier falle die Führungsrolle mit meist älteren Personen zu.
Karen McComb (University of Sussex, Brighton) et al: the Royal Society B, doi: 10.1098/rspb.2011.0168

dapd/wissenschaft.de -


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