Kleinhirn ganz groß

Die Intelligenz eines Menschen scheint nicht nur im Großhirn beheimatet zu sein. Auch das Kleinhirn, eigentlich zuständig für die Kontrolle von Bewegungen, trägt offenbar einen wesentlichen Anteil dazu bei, hat ein irisch-britisches Forscherteam jetzt in einer Studie mit über 200 Freiwilligen im Alter von über 60 Jahren entdeckt. Vor allem das Volumen der sogenannten grauen Substanz im Kleinhirn, die dort die äußere Schicht bildet, hängt demnach bei älteren Erwachsenen mit der allgemeinen Intelligenz zusammen. Möglicherweise könne ein gezieltes Training des Kleinhirns eine Volumenabnahme verhindern und damit auch helfen, dem geistigen Abbau im Alter entgegenzuwirken, schlussfolgern die Wissenschaftler.
Bisher hatten Forscher angenommen, dass Intelligenz vor allem durch das Großhirn bestimmt wird und dass der Rückgang kognitiver Fähigkeiten im Alter mit Abbauprozessen im Stirnhirn zusammenhängt. Zwar lassen sich auch im Kleinhirn oder Cerebellum, das sich im hinteren Teil des Kopfes befindet, im höheren Alter Abbauprozesse beobachten. Dieser Hirnbereich wurde bisher jedoch vor allem mit der Koordination von Bewegungen und Gleichgewichtsprozessen in Zusammenhang gebracht. Ob er auch für die Intelligenz eine Rolle spielt, war bislang unklar.

Michael Hogan und sein Team untersuchten nun 228 Erwachsene, die 1947 an der sogenannten Scottish Mental Survey beteiligt gewesen waren. In dieser Erhebung hatten im Jahr 1936 geborene Kinder im Jahr 1947 einen Intelligenztest durchgeführt. Nun nahmen die Probanden, mittlerweile im Alter von etwa 64 Jahren, erneut an einem Intelligenztest teil und wurden außerdem im Magnetresonanztomographen untersucht. Dabei wurden zunächst Schnittbilder des Gehirns angefertigt und anschließend analysiert, indem für jeden einzelnen Bildpunkt der Gehirnaufnahmen bestimmt wurde, zu welchem Teil er graue Substanz, weiße Substanz, Knochen oder Flüssigkeit enthält. Die graue Substanz besteht aus den Zellkörpern der Nervenzellen, die weiße Substanz setzt sich aus den Fasern der Nervenzellen zusammen.

Bei der Auswertung der Daten fanden die Forscher einen direkten Zusammenhang zwischen dem Volumen der grauen Substanz im Kleinhirn und der allgemeinen Intelligenz. Dies war auch dann der Fall, wenn das Gesamtvolumen des Gehirns und das Volumen der grauen und der weißen Substanz im Stirnlappen mit in die Auswertung einbezogen wurden. Allerdings war der Zusammenhang bei Männern deutlich stärker ausgeprägt als bei Frauen. "Allgemeine Intelligenz ist mit vielen Aspekten der Informationsverarbeitung assoziiert", sagt Hogan. "Ich glaube, dass diese von der Funktion des Kleinhirns abhängen, so zum Beispiel die Geschwindigkeit und die Konstanz unserer Wahrnehmungen und unserer Entscheidungen." Auch die Geschwindigkeit, mit der man neue Fähigkeiten lerne, werde vermutlich vom Kleinhirn mitbestimmt, so Hogan.

Die Ergebnisse könnten Hinweise darauf geben, wie man höhere geistige Fähigkeiten auch im fortgeschrittenen Alter aufrecht erhalten könnte - nämlich dadurch, dass man die Netzwerke im Kleinhirn kontinuierlich durch neue Sinnesreize, Bewegungen und geistige Aktivitäten stimuliert. "Solche Prozesse werden meiner Ansicht nach durch das Kleinhirn reguliert und mit der Zeit automatisiert", sagt Hogan. "Dabei arbeitet es vermutlich eng mit dem Großhirn zusammen."
Michael Hogan (National University of Ireland, Galway) et al: Cortex, doi: 10.1016/j.cortex.2010.01.001

dapd/wissenschaft.de - Christine Amrhein


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