Unerwartete Fernwirkung

Hirntumoren verändern den Zellstoffwechsel auch in gesunden Hirnregionen. Das hat ein deutsches Forscherteam jetzt nachweisen können. Bisher hatten Wissenschaftler angenommen, solche Effekte seien eine Nebenwirkung von Chemo- oder Strahlentherapie. Anhand der Magnetresonanzspektroskopie (MRS) konnten die Forscher jetzt jedoch zeigen, dass der Tumor selbst für die Veränderungen im Stoffwechsel gesunder Hirnregionen verantwortlich ist. Das deute auf eine generell modifizierte Biochemie im Gehirn von Tumorpatienten hin, interpretieren die Wissenschaftler. Warum der Umbau stattfindet, ist bisher jedoch unklar. Eine Möglichkeit wäre, dass es sich um eine der ersten Auswirkungen einer beginnenden Metastasenbildung handelt. Sollte das stimmen, könnte die MRS zukünftig hilfreich sein, um das Streuen eines Tumors bereits in einem sehr frühen Stadium zu entdecken, schreiben Martin Busch und seine Kollegen von der Universität Witten/Herdecke.
In Deutschland erkranken jährlich etwa 8.000 Menschen an einem primären Hirntumor. Das sind Tumoren, die im Gehirn entstehen und nicht durch Metastasen anderer Krebserkrankungen im Körper verursacht wurden. Je nach Tumorart und Lage bieten sich verschiedene Therapien oder auch deren Kombination an, etwa eine Entfernung des erkrankten Gewebes oder eine Chemo- und Strahlentherapie. Sowohl die Chemo- als auch die Strahlentherapie belasten jedoch auch gesundes Gewebe.

Busch und seine Kollegen wollten mit Hilfe der Magnetresonanzspektroskopie eigentlich potenzielle Veränderungen des Stoffwechsels im Gehirn als Reaktion auf eine neue Behandlungsmethode erforschen. Dazu untersuchten sie 52 gesunde Probanden und 43 Hirntumorpatienten - letztere vor, während und nach ihrer jeweiligen Behandlung. In Bezug auf die neue Methode fanden die Forscher keine Veränderungen im Gehirn. Bei der statistischen Auswertung der Daten zeigte sich jedoch ein für die Wissenschaftler überraschendes Ergebnis: Völlig unabhängig von der Behandlungsmethode wiesen bei den Tumorpatienten die gesunden, dem Tumor gegenüberliegenden Bereiche des Gehirns Veränderungen im Stoffwechsel auf.

"Normalerweise würde man solche Veränderungen im Stoffwechsel der Chemo- oder der Strahlentherapie zuschreiben", erklärt Studienleiter Martin Busch von der Universität Witten/Herdecke. "Das konnten wir jedoch statistisch ausschließen. Allein der Tumor muss demnach für den veränderten Stoffwechsel verantwortlich sein." Warum dem so ist, wissen die Forscher noch nicht. Es gibt Studien, die zeigen, dass vereinzelte Tumorzellen in gesunde Bereiche des Gehirns wandern können. Ob diese jedoch die Ursache für den veränderten Stoffwechsel sind, ist noch unklar. Sollte sich das bestätigen, könnte die Magnetresonanzspektroskopie künftig helfen, ein Streuen des Tumors bereits in einem frühen Stadium zu entdecken und so die gefürchtete Metastasenbildung einzudämmen.
Martin Busch (Universität Witten/Herdecke) et al: Magnetic Resonance in Medicine, Bd. 65, S. 18

dapd/wissenschaft.de - Anke Biester


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