Social Networking à la Fledermaus

Fledermäuse sind treue Freunde: Sie halten über Jahre hinweg Kontakt zu vertrauten Artgenossen. Das haben deutsche und Schweizer Forscher bei der Untersuchung der Sozialstruktur wildlebender Bechsteinfledermäuse gezeigt. Obwohl sich die Tiere regelmäßig trennen und in neuen Gruppen zusammenfinden, suchen sie immer wieder die Nähe zu besonders vertrauten Tieren, zu denen sie offenbar eine Bindung aufgebaut haben. Vergleichbare soziale Netzwerke sind auch von anderen hoch entwickelten Lebewesen bekannt: Elefanten, Delfine, Menschenaffen und sogar der Mensch zeigen ähnliche Verhaltensweisen. Information über die komplexen Verbindungen zwischen Individuen einer Art seien sehr wichtig, um die Entwicklungsgeschichte sozialer Lebewesen einschließlich des Menschen zu verstehen, schreiben die Forscher um Gerald Kerth.
Die Bechsteinfledermaus lebt in den Waldgebieten weiter Teile Europas. Sie erreicht ein Alter von etwa 20 Jahren, ist zwischen 7 und 14 Gramm schwer und im Flug etwa so groß wie eine Schwalbe. Im Sommer verbringen die Tiere in Gruppen von ungefähr 20 Tieren den Tag in Baumhöhlen. Diese Gemeinschaften bestehen ausschließlich aus weiblichen Tieren, denn die Männchen der Bechsteinfledermaus leben einzelgängerisch. Ihre Quartiere wechseln die Fledertiere in der Regel alle zwei Tage, dabei mischt sich die Zusammensetzung der Individuen immer wieder durch. In den Schlafhöhlen wärmen sie sich und betreiben gegenseitige Fellpflege. Nachts starten die kleinen Säugetiere dann zu ihren Beutezügen, bei denen sie mittels Ultraschallnavigation und ihren großen Ohren Insekten fangen.

Den Sozialstrukturen der Bechsteinfledermaus kamen die Forscher mit Hilfe von modernen Markierungsverfahren auf die Spur, die sie bei Tieren zweier Kolonien einsetzten. So lieferte ein winziger Mikrochip unter der Haut der Fledermäuse den Forschern die Informationen zu jedem einzelnen Tier, sobald es an einem Lesegerät am Eingang der Schlafhöhlen vorbeikrabbelte. Außerdem nahmen die Wissenschaftler Gewebeproben für genetische Analysen. Auf diese Weise konnten die Wissenschaftler über fünf Jahre hinweg die Zusammensetzung der Gruppen aus insgesamt etwa 50 Fledermäusen in ihren über 150 Schlafquartieren dokumentieren. Die Datenanalysen offenbarten dabei, welche Tiere häufig gemeinsam die Tagesruhe verbrachten.
Es zeigte sich, dass Individuen verschieden Alters und mit unterschiedlichem Verwandtschaftsgrad über Jahre hinweg soziale Beziehungen aufrechterhalten, das heißt, sich immer wieder bevorzugt in den gleichen Schlafquartieren zusammenfinden. Frühere Studienergebnisse haben bereits darauf hingedeutet, dass die Fledermäuse dazu Informationen austauschen: Sie verabreden sich gleichsam, an welchem Schlafplatz das Treffen stattfinden soll. Welche Vorteile diese sozialen Netzwerke den Fledermäusen bringen, ist bisher allerdings nicht ganz klar. Die Forscher betonen aber, dass eine beachtliche Hirnleistung nötig sei, um derart komplexe Verhaltensweisen hervorzubringen.
Gerald Kerth (Zoologisches Institut der Universität Greifswald) et al: Proceedings of the Royal Society B, doi: 10.1098/rspb.2010.2718

dapd/wissenschaft.de - Martin Vieweg


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