Kampf an zwei Fronten

Forscher aus Erlangen haben entdeckt, warum Rheumatiker so häufig unter starker Müdigkeit und Erschöpfung leiden: Einer der Botenstoffe, die die Entzündungsreaktion in den Gelenken steuern, wirkt auch auf das Gehirn ein und verändert dort die Reaktionen der Schmerz- und Gefühlszentren. Die gute Nachricht dabei: Genau dieser Botenstoff ist bereits seit einigen Jahren eines der Hauptangriffsziele moderner Anti-Rheuma-Medikamente. Mit der aktuellen Entdeckung schließe sich ein Kreis, sagen die Forscher - man könne jetzt endlich verstehen, warum diese Mittel so schnell eine so starke Besserung hervorrufen: Schon bevor sie die eigentliche Entzündungsreaktion messbar verringern, dämpfen sie die Schmerzwahrnehmung im Gehirn und stoppen die ungewöhnliche Aktivität im Gefühlszentrum. Die Folge sei ein deutlich verbessertes Wohlbefinden, erläutert Studienleiter Georg Schett.
Die häufig schlicht als Rheuma bezeichnete rheumatoide Arthritis ist eine Autoimmunkrankheit, bei der der Körper fälschlicherweise seine eigenen Gelenkhäute, die Knorpel und die Sehnenscheiden angreift. Dadurch entstehen erst in einigen wenigen, später in praktisch allen Gelenken starke Entzündungen, die mit der Zeit zu schweren Schäden an Knochen und Knorpel führen können. Neben den dadurch ausgelösten Schmerzen leiden die Betroffenen häufig zusätzlich unter Müdigkeit, Abgeschlagenheit und nicht selten auch Depressionen.

Seit einigen Jahren wird die rheumatoide Arthritis behandelt, indem gezielt die Botenstoffe abgefangen oder blockiert werden, mit denen das Immunsystem die Entzündungsreaktion steuert. Besonders bewährt haben sich unter diesen sogenannten Biologicals Mittel, die dem Signalstoff Tumornekrosefaktor-alpha, kurz TNF-alpha genannt, entgegenwirken. Da ihre Wirkung in vielen Fällen extrem schnell einsetzt - schneller, als es durch einen entzündungshemmenden Effekt allein erklärbar wäre -, argwöhnten Forscher bereits seit längerem, dass die Medikamente möglicherweise zusätzlich krankheitsrelevante Prozesse im Gehirn beeinflussen.

Genau diesen Verdacht konnten die Erlanger jetzt bestätigen: Sie beobachteten, dass sich schon 24 Stunden nach der Gabe eines TNF-alpha-Blockers die Gehirnaktivität von Rheumatikern deutlich veränderte. Tests mit gentechnisch veränderten Mäusen halfen schließlich, diesen Effekt zu verstehen. Demnach bewirken erhöhte TNF-alpha-Spiegel im Blut, dass das Schmerzzentrum im Gehirn seinen Schwellenwert senkt und die Schmerzwahrnehmung verstärkt wird. Zudem verändern sie die Aktivität im Limbischen System, das für die Steuerung von Gefühlen zuständig ist und damit auch für psychische Effekte wie eben Müdigkeit und depressive Verstimmungen verantwortlich zeichnet. Wird der Überschuss an TNF-alpha eliminiert, beispielsweise durch ein Medikament, normalisieren sich die Reaktionen wieder.

TNF-alpha-Blocker bekämpfen die rheumatoide Arthritis demnach an zwei Fronten gleichzeitig: Zuerst regulieren sie die Schmerzwahrnehmung im Gehirn und fördern das Wohlbefinden und anschließend dämpfen sie die Entzündungen. Schett glaubt, dass dieser Mechanismus auch bei anderen entzündlichen Erkrankungen und bei Infektionen eine Rolle spielt. Die veränderte Hirnaktivität sei zudem möglicherweise ein wertvolles Werkzeug für die Behandlung von Rheumatikern: Es sei denkbar, dass sich mit ihrer Hilfe sich schnell und zuverlässig vorhersagen lasse, ob ein Patient auf ein bestimmtes Medikament anspreche oder nicht.
Georg Schett (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) et al: PNAS, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1073/pnas.1011774108

dapd/wissenschaft.de - Ilka Lehnen-Beyel


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