Kein Krebs durch Arbeitsstress

 Brustkrebszelle - auch dieser Krebs wird durch Arbeitsstress offenbar nicht gefördert. (Bild: NCI)
Brustkrebszelle - auch dieser Krebs wird durch Arbeitsstress offenbar nicht gefördert. (Bild: NCI)
Arbeit ist für die meisten alles andere als entspannend: Zeitdruck, immer mehr Aufgaben und kaum etwas zu sagen - Stress pur. Dass diese Dauerbelastung krank macht, ist schon länger bekannt. Weniger klar war aber bisher, ob der Arbeitsstress auch dazu beiträgt, Krebs entstehen zu lassen. Ein europäisches Forscherteam hat diese Frage daher in der bisher größten Studie dieser Art untersucht. Ihr Ergebnis ist eine Entwarnung - zumindest teilweise: Stress bei der Arbeit ist zwar ungesund fürs Herz und andere Organe, das Risiko für Krebs scheint er aber nicht zu erhöhen.
"Für rund 90 Prozent aller Krebsleiden spielen auch Umweltfaktoren und der Lebensstil eine große Rolle", erklären Katriina Heikkilä vom Finnish Institute of Occupational Health in Helsinki und ihre Kollegen. So gibt es klare Belege dafür, dass Rauchen, bestimmte Viren oder zu viel UV-Strahlung dazu beitragen, Zellen in der Lunge, Haut oder anderen Organen entarten zu lassen. Für andere Faktoren, darunter auch den Einfluss der Psyche, sei der Zusammenhang dagegen weniger klar. Speziell beim Stress aber spricht eigentlich einiges dafür, dass auch er das Krebsrisiko erhöhen könnte.

Hoher Blutdruck und gebremstes Immunsystem

Denn schon seit langem weiß man, dass eine starke und anhaltende psychische Belastung sich auch körperlich bemerkbar macht: Das Gehirn schüttet vermehrt Stresshormone aus. Diese treiben den Blutdruck in die Höhe und versetzen Nerven und Muskeln in Alarmbereitschaft. Gleichzeitig aber wirken sie auch auf das Immunsystem und können chronische Entzündungen auslösen. Solche Entzündungen aber, das haben zahlreiche Studie gezeigt, können auch die Bildung und das Wachstum von Krebstumoren fördern. "Viele Krebspatienten und Ärzte sind daher der Meinung, dass Stress für diese Krankheiten eine wichtige Rolle spielt", sagen die Forscher. Bisher allerdings seien Studienergebnisse dazu eher spärlich und sehr widersprüchlich.

Was dran ist am Krebshelfer Stress, haben die Wissenschaftler nun in der bisher größten Metastudie zu diesem Thema untersucht. Dafür nahmen sie sich eine Stressform vor, die besonders viele Menschen betrifft und relativ gut messbar ist: den Arbeitsstress. Wie sehr ein Job uns stresst, hängt dabei vor allem von zwei Komponenten ab: wie hoch Arbeitsbelastung und Zeitdruck sind, und wie viel Mitsprache wir darüber haben, welche Tätigkeiten wir wie und wann erledigen. Je weniger Kontrolle wir über unsere Arbeit haben, desto eher empfinden wir die Belastung als Stress, erklären die Forscher.

Gleich viel Krebs bei gestressten und ungestressten

Für ihre Studie werteten Heikkilä und ihre Kollegen zwölf Studien aus, bei denen insgesamt 116.056 Menschen aller Altersstufen in sechs europäischen Ländern detailliert untersucht und deren Gesundheit über mehr als zehn Jahre hinweg beobachtet worden war. Jeder Teilnehmer hatte seinen Arbeitsstress in einer standardisierten Befragung eingestuft und auch angegeben wie lange der jeweilige Stress bereits anhielt. Für ihre Analyse prüften die Forscher dann für jeden einzelnen Teilnehmer, ob er im Studienverlauf an Krebs erkrankte und auch an welchem.

Das Ergebnis: Von den rund 116.000 Teilnehmern erkrankten innerhalb von zwölf Jahren 5.765 an Krebs, dies entspricht in etwa fünf Prozent. Aber wie die Analyse ergab, waren davon keineswegs vorrangig die gestressten Berufstätigen betroffen. "Wir haben keinerlei Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Arbeitsstress und dem Krebsrisiko gefunden", berichten die Forscher. Unter den Erkrankten seien genauso viele gestresste wie ungestresste Teilnehmer. Auch für einzelne Krebsarten, darunter Lungen-, Darm-, Brust- oder Prostatakarzinome scheine es keinen Zusammenhang zu geben. "Den Arbeitsstress zu reduzieren, würde zwar unzweifelhaft das Wohlergehen und die Gesundheit eines Menschen verbessern, sein Krebsrisiko kann er damit aber wahrscheinlich nicht signifikant senken", konstatieren Heikkilä und ihre Kollegen.

Eine Entwarnung ist dieses Ergebnis aber trotzdem nur zum Teil. Denn wie die Forscher betonen, können andere Arten von Stress durchaus das Krebsrisiko erhöhen. Demnach gibt es in einigen Studien erste Hinweise darauf, dass beispielsweise Patienten mit Hirntumoren zuvor häufiger Stress durch schwere Schicksalsschläge erlebt haben, ähnliches fanden Wissenschaftler auch bei Brustkrebs.
Katriina Heikkilä (Finnish Institute of Occupational Health, Helsinki) et al.: British Medical Journal, doi:10.1136/bmj.f165

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar


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