Winzige Brillen belegen 3D-Insekten-Sicht

Eine grüne und eine blaue Linse fürs 3D-Kino. Credit: Newcastle University

Zweifellos ein scharfer Blick – doch nimmt die Gottesanbeterin die Welt auch dreidimensional wahr, ähnlich wie wir? Dieser Frage sind Forscher durch kurios wirkende Versuche nachgegangen: Sie setzten den skurrilen Insekten winzige 3D-Brillen auf und präsentierten ihnen Köder auf einem Bildschirm. So konnten sie zeigen: Durch den dreidimensionalen Effekt wurde der Fang-Reflex ausgelöst - ohne die Brillen schnappten die Tiere hingegen nicht nach den zweidimensionalen Reizen. Die 3D-Wahrnehmung der Gottesanbeterin könnte nun auch von technischem Interesse sein, sagen die Forscher.

Zwei nach vorne gerichtete Augen bilden die Grundlage: Mit ihnen können Menschen und viele andere Lebewesen ihre Umwelt räumlich wahrnehmen. Jedes Auge nimmt beim Betrachten eines Objektes dabei einen geringfügig anderen Sichtwinkel ein – dies bildet die Datengrundlage für das stereoskopische Sehen. Letztendlich entsteht die Wahrnehmung von Raumtiefe aber erst durch die Informationsverarbeitung im Gehirn. Dass die Gottesanbeterin mit ihren beiden Augen die grundlegende Voraussetzung zum dreidimensionalen Sehen besitzt, ist klar – doch macht ihr kleines Hirn dieses Potenzial auch tatsächlich nutzbar? Bisher konnte dies nicht eindeutig belegt werden, sagen die Forscher um Jenny Read von der Newcastle University.

3D-Kino für Gottesanbeterinnen

Um diese Frage experimentell zu klären, "bastelten" die Forscher eine Art 3D-Kino für Gottesanbeterinnen - samt Zubehör. Für die Brillen nutzten sie das sogenannte Anaglyphen-Verfahren: Es handelt sich dabei um das altbewährte 3D-Konzept, bei dem die Bildtrennung durch die Verwendung von Farbfiltern erfolgt. Für die Wahrnehmung der Insekten waren die Farben blau und grün am geeignetsten, erklären die Forscher. Durch Bienenwachs befestigten sie die winzigen Farb-Linsen auf den Augen ihrer bizarren Versuchstiere. An einer Apparatur befestigt, platzierten sie diese dann vor einem Bildschirm, auf dem sich Farbkreise bewegten, die in Kombination mit der Brille einen 3D-Effekt hervorriefen.

Die Experimente zeigten: Nur wenn durch die Brillen ein 3D-Effekt entstand – die Kreise also gleichsam aus dem Bildschirm hervortraten – schnappen die Gottesanbeterinnen mit ihren Fangarmen nach den Ködern. Auf rein zweidimensionale Bewegungsreize reagierten sie hingegen nicht, berichten die Forscher. Dies belegt ihnen zufolge eindeutig, dass diese Insekten eine Fähigkeit zur räumlichen Wahrnehmung ihrer Umwelt besitzen.

Video: Erst wenn der Köder durch den 3D-Effekt aus dem Bildschirm hervortritt, schnappt die Gottesanbeterin zu. Credit: Newcastle University

Potenzial für die Technik

Die Ergebnisse sind nicht nur aus biologischer Sicht spannend, betonen die Wissenschaftler: "Trotz ihrer winzigen Gehirne besitzen Gottesanbeterinnen eine Hochleistungs-Wahrnehmung. Besseres Verständnis der effizienten visuellen Verarbeitungssysteme könnte sowohl die Evolution der 3D-Sicht erhellen, als auch zu neuen Verfahren bei der 3D-Tiefenwahrnehmung von technischen Systemen führen", erklärt Read. Diesem Forschungsthema wollen sich die Forscher nun auch weiter widmen. Vielleicht verleihen also eines Tages die visuellen Verarbeitungskonzepte der Gottesanbeterin Computern oder Robotern eine raffiniert-simple 3D-Wahrnehmung.

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