Vorprogrammierte Aggression

 Credit: Thinkstock
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Psychische oder körperliche Gewalt an Kindern ist wie eine Saat des Bösen – diesen bereits bekannten Zusammenhang untermauert nun eine experimentelle Studie an Ratten. Die Ergebnisse legen nahe, dass schlimme Erfahrungen in der Kindheit nachhaltig das Gehirn beeinflussen und damit eine Neigung zu aggressivem Verhalten im Erwachsenenalter verursachen.
Frühere Studien haben bereits einen Zusammenhang zwischen gewalttätigem Verhalten und emotionalem Stress in der Kindheit eines Menschen belegt. Was genau diese unheilvolle Verbindung prägt, war aber bisher unbekannt. "Unsere Ergebnisse zeigen nun, dass in der Kindheit traumatisierte Menschen nicht nur psychisch leiden, sondern ihre Gehirne auch messbare Veränderung aufweisen, die einschlägiges Verhalten begünstigen", sagt Studienleiterin Carmen Sandi von der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne.

Die Forscher führten ihre Versuche mit Ratten durch, die sich in der sogenannten peripubertären Entwicklungsphase befanden. Sie entspricht der Zeitspanne von der Kindheit bis zur Pubertät beim Menschen. Auch bei den intelligenten Nagern finden in dieser Phase wichtige Reifungsprozesse in bestimmten Hirnregionen statt, die für Emotion und Kognition verantwortlichen sind, erklären die Wissenschaftler. Bei ihren Experimenten setzten sie die kleinen Ratten unterschiedlichen Stressfaktoren aus. Beispielsweise mussten sie in einem Käfig leben, der nach Fuchs roch - einem für die Tiere instinktiv sehr beängstigenden Gestank, dem sie normalerweise entfliehen.

Malträtierte Jungratten werden später bissig

Nachdem die traumatisierten Jungratten erwachsen geworden waren, offenbarte sich beim Vergleich mit Kontrolltieren der Effekt des peripubertären Stresses: Sie neigten zu aggressivem Verhalten - attackierten ihre Artgenossen besonders heftig und häufig. Untersuchungen der Tiere belegten, dass dieses Verhalten im Zusammenhang mit auffälligen Hirnaktivitäten stand: Normalerweise wird bei den Ratten eine bestimmte Region im Stirnhirn, der sogenannte orbitofrontale Kortex aktiv, wenn sie in einer sozialen Konfliktsituation sind. „Doch bei den Testtieren stellten wir nur eine geringe Aktivierung dieses Hirnareals fest“, erklärt Sandi. Die Ratten seien dadurch weniger in der Lage gewesen, negative Impulse zu steuern. Sie zeigten stattdessen eine Überaktivität der Amygdala, einer an Gefühlsreaktionen beteiligten Gehirnregion.

Ähnliches ist offenbar auch die Grundlage aggressiven Verhaltens beim Menschen, wie früher Studien bereits nahegelegt haben: Der hinter der Stirn gelegene orbitofrontale Kortex ist bei gewalttätigen Personen ebenfalls weniger aktiv und der Aggressionstrieb dadurch kaum unterdrückt. "Mit einer derart klaren Parallele hatten wir nicht gerechnet", sagt Carmen Sandi.

Die Wissenschaftler überprüften außerdem die Aktivität bestimmter Gene, von denen bereits eine Funktion im Rahmen von aggressivem Verhalten bekannt ist. Beim einem Gen namens Monoaminooxidase-A (MAO-A) wurden sie fündig. Dieses Gen war bei den in der Jugend stressgeplagten Tieren aktiver als bei ihren entspannteren Artgenossen.

Offenbar hatte der Stress ein Schaltermolekül auf dieser Erbanlage hinterlassen, das seine Aktivität nachhaltig prägt und damit aggressives Verhalten auslöst, erklären die Wissenschaftler. Um diese Schlussfolgerung zu untermauern, verabreichten sie den Versuchstieren einen Hemmstoff, der die Funktion des MAO-A Gens blockiert. Diese Behandlung konnte tatsächlich die Gewaltbereitschaft bei den Tieren reduzieren, wie die Beobachtungen zeigten. Dies gebe Hoffnung auf Behandlungsmöglichkeiten auch beim Menschen, sagen die Forscher. Sie suchen nun nach weiteren Möglichkeiten, die negativen Effekte einer Kindheit in Angst, Gewalt und Stress einzudämmen.
Carmen Sandi (Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne) et al.: Translational Psychiatry, doi:10.1038/tp.2012.144

© wissenschaft.de – Martin Vieweg


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