Das Dickmacher-Virus

 Übergewicht ist bei Kindern besonders problematisch. Credit: Hans Peter Dehn, pixelio.de
Übergewicht ist bei Kindern besonders problematisch. Credit: Hans Peter Dehn, pixelio.de
Die Theorie, ein Erkältungsvirus namens AD-36 könne Übergewicht fördern, scheint sich zu festigen: US-amerikanische Forscher haben in einer Studie mit 124 Kindern erneut einen Zusammenhang zwischen einer AD-36-Infektion und einem hohen Gewicht entdeckt. Die jungen Probanden, die mit AD-36 Kontakt hatten, brachten im Durchschnitt erheblich mehr auf die Waage als diejenigen, bei denen keine Virusinfektion vorlag. Gerade für Kinder ist Übergewicht eine schwere psychische Belastung und ein gesundheitliches Risiko, betonen die Forscher. "Die Erkenntnis, dass eine Virusinfektion ein Faktor bei der Entstehung von Übergewicht sein kann, zeigt, dass Übergewicht nicht unbedingt ausschließlich an den nachlässigen Lebensgewohnheiten der Betroffenen liegt", sagt der Leiter der Studie Jeffrey Schwimmer von der University of California in San Diego.
Etwa die Hälfte der jungen Studienteilnehmer stuften die Wissenschaftler als übergewichtig ein ? basierend auf dem sogenannten Body-Mass-Index, der das Körpergewicht in Relation zur Körpergröße setzt. Insgesamt fanden sie bei 19 der 124 Probanden Antikörper gegen das Adenovirus-36, kurz AD-36. Das bedeutet: Bei ihnen hat zu irgendeinem Zeitpunkt im Leben eine Infektion mit dem Erreger stattgefunden. Fast 80 Prozent dieser AD-36-positiven Kinder waren übergewichtig, bei den schlanken Kindern fanden die Forscher dagegen nur in vier Fällen Anzeichen einer Infektion. Selbst in der Gruppe der Übergewichtigen zeigte die Virusinfektion einen zusätzlichen Gewichts-Effekt: Im Schnitt hatten die AD-36-positiven Kinder noch deutlich mehr Körpergewicht als die übergewichtigen Studienteilnehmer ohne Infektions-Befund.

AD-36 gehört zur Familie der Adenoviren und verursacht normalerweise Entzündungen in den Atemwegen oder in den Augen. Forscher haben diesen Erreger aber schon länger im Verdacht, auch zur Entstehung von Übergewicht beizutragen. Frühere Studien hatten bereits auf diesen Zusammenhang hingedeutet. So veranlasst der Erreger im Labor Stammzellen aus menschlichem Fettgewebe dazu, sich in besonders große Fettzellen zu verwandeln. Bei einer Infektion mit dem Virus bilden sich dadurch offenbar sowohl mehr als auch größere Fettzellen. Wie groß der Einfluss einer AD-36-Infektion tatsächlich ist, müsse jedoch noch genauer untersucht werden ? schließlich entwickelt nicht jeder Infizierte Fettleibigkeit.

Vor dem Hintergrund der Studienergebnisse empfiehlt Jeffrey Schwimmer auch eine Veränderung der Perspektive beim Thema Übergewicht: "Die meisten Menschen sind der Ansicht, wer dick ist, sei daran selber schuld. Die Ergebnisse dieser Studie belegen aber, dass die Hintergründe komplizierter sein können. Deshalb sollten wir Konzepte zur Vorbeugung von Übergewicht entwickeln, die über Schuldzuweisungen hinausgehen", betont der Wissenschaftler.
Jeffrey Schwimmer (University of California, San Diego) et al.: Pediatrics, Online-Ausgabe vom 20. September

dapd/wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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