Vielversprechender Ansatz

Krebspatienten in fortgeschrittenen Stadien der Krankheit könnten von einem gezielten Muskelaufbau profitieren ? und zwar sowohl bei der Lebensqualität als auch bei der Lebenserwartung. Darauf deuten jetzt die Ergebnisse einer Studie amerikanischer Forscher bei krebskranken Mäusen hin, die zusätzlich unter Kachexie litten ? einer heftigen körperlichen Auszehrung mit Muskelschwund, die häufig als Folge einer Krebserkrankung auftritt. Wurde den Tieren ein bestimmtes Protein verabreicht, begannen ihre Muskeln sich zu erholen und sogar neue Muskelmasse aufzubauen. Obwohl sich die Tumoren selbst nicht veränderten, verbesserte sich durch die Therapie nicht nur der Allgemeinzustand der Nager, sondern auch ihre Lebenserwartung. Es sei zwar noch ein langer Weg von dieser Erkenntnis hin zu ersten klinischen Studien, sagen die Forscher. Sie halten den Behandlungsansatz jedoch für äußerst vielversprechend und hoffen, damit endlich eine echte Waffe gegen die Kachexie in der Hand zu halten, die bisher praktisch nicht behandelbar ist.
Eine Tumorkachexie tritt als Folge einer fortgeschrittenen Krebserkrankung auf ? warum, ist noch nicht völlig geklärt. Sicher ist bisher nur, dass viele Faktoren gemeinsam den eklatanten Abbau von Muskelmasse und Fettreserven auslösen. Dazu gehören psychologische Gründe und Nebenwirkungen der Medikamente ebenso wie vom Tumor produzierte Botenstoffe und Signalmoleküle, die der Körper als Reaktion auf die Wucherungen bildet. Diese Komplexität und die Vielfalt der Erscheinungsformen machen eine exakte Definition und damit auch eine ursächliche Behandlung äußerst schwierig. Das ist vor allem deswegen problematisch, weil je nach Krebsart bis zu 80 Prozent der Betroffenen eine solche Kachexie entwickeln ? und weil sie als einer der Hauptfaktoren für die hohe Sterberate bei Krebs gilt.

Die neue Studie ist daher gleich in zweierlei Hinsicht interessant: Zum einen belegt sie, dass der Muskelabbau ? zumindest im Tiermodell ? tatsächlich die Überlebenschancen beeinträchtigt, und zum anderen zeigt sie einen Weg auf, wie dieser Abbau verhindert und sogar rückgängig gemacht werden kann. Im Mittelpunkt dieses Ansatzes steht ein Botenprotein namens Acitivin. Es wirkt ähnlich wie Myostatin, ein weiterer Botenstoff, der dafür zuständig ist, das Muskelwachstum in vernünftigen Grenzen zu halten. Fehlt er, beginnen die Skelettmuskeln übermäßig zu wuchern. Genau das nutzten Zhou und ihre Kollegen nun bei an Krebs erkrankten Mäusen mit Kachexie aus: Sie blockierten das Activin im Körper der Tiere mit Hilfe eines speziell entwickelten Protein-Gegenspielers und beobachteten, welche Veränderungen in der Folge auftraten.

Der Erfolg war beachtlich, berichten sie: Selbst Muskeln, die bereits die Hälfte ihrer Masse verloren hatten, erholten sich sichtbar. Gleichzeitig überlebten die Mäuse mehrere Wochen länger als ihre unbehandelten Artgenossen und entwickelten auch wieder einen gesunden Appetit. Die Wissenschaftler konnten den molekularen Mechanismus dieser Wirkung aufklären: Der Abbau der Muskelzellen stoppt, während gleichzeitig die Stammzellen in den Muskeln zum Wachsen angeregt werden. Sie hoffen nun, möglichst schnell klären zu können, ob der Prozess beim Menschen genauso abläuft ? und damit auch ebenso gestoppt werden kann.
Xiaolan Zhou (Biotechnologie-Unternehmen Amgen, Thousand Oaks, USA) et al.: Cell, Bd. 142, S. 531

ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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