Schlangestehen für Traumwohnung

Bei der Wohnungssuche bedienen sich Einsiedlerkrebse sozialer Strategien, bei denen alle beteiligten Tiere profitieren. Das haben US-Forscher anhand von Experimenten mit den Weichtieren herausgefunden. Einsiedlerkrebse bewohnen leere Schneckenhäuser, die ihnen die Fortbewegung erlauben. Wachstumsbedingt ziehen sie in ihrem Leben mehrmals in eine größere Behausung um. Wenn nun ein Einsiedlerkrebs auf ein leeres, aber zu großes Schneckenhaus trifft, wartet er auf das Eintreffen weiterer Artgenossen. Die versammelten Krebse reihen sich der Größe nach auf, bis sich einer einfindet, dem das Schneckenhaus genau passt. Sein Umzug in die neue Wohnung setzt dann eine Kettenreaktion in Gang: Jeder Krebs zieht in das nächstgrößere freigewordene Haus ein. Durch dieses soziale Netzwerk inszenieren die Tiere eine hoch effiziente Wohnungssuche.
Einsiedlerkrebse bewohnen leere Schneckenhäuser, um ihren weichen Hinterkörper vor Fressfeinden zu schützen. Die Größe des Hauses muss genau zum Krebs passen, damit Beine und Kopf gerade noch herausragen und die Fortbewegung nicht beeinträchtigt ist. Die Weichtiere suchen wegen des schnellen Wachstums relativ häufig eine neue Wohnung. Schneckenhäuser in der passenden Größe liegen aber nicht in Massen auf dem Meeresboden herum. Um nun festzustellen, ob die Tiere eine überlegte Strategie für die Wohnungssuche entwickelt haben, legten die Wissenschaftler um Randi Rotjan von der Harvard University in Cambridge in einem Areal mit hohem Einsiedlerkrebs-Vorkommen leere Schneckenhäuser unterschiedliche Größe auf den Meeresgrund und beobachteten danach das Verhalten der Tiere.

Diese zeigten ein verblüffendes soziales Verhalten: Traf ein Krebs auf ein leeres, aber für ihn überdimensioniertes Schneckenhaus, wartete er daneben geduldig, bis weitere Krebse dazukamen. Die Krebse bildeten dabei eine Reihenfolge aus, die sich an der jeweiligen Körpergröße orientierte. Dynamik entstand erst, als ein Krebs zu der Versammlung stieß, für den das leere Haus die passende Größe hatte. Sobald er für die Umsiedlung seine alte Wohnung verließ, zogen die wartenden Krebse nacheinander so schnell wie möglich in das jeweils nächstgrößere Schneckenhaus um. "Die Krebse verbrachten zuerst Stunden mit Aufreihen und Warten, um dann plötzlich innerhalb von Sekunden wie eine Dominoreihe in Bewegung zu geraten", berichtet Rotjan.

Die Strategie des synchronisierten Wohnungswechsels kommt im Tierreich auch bei anderen Arten vor, die auf einen wiederverwendbaren Unterschlupf angewiesen sind ? etwa bei Fischen, die Seeanemonen bewohnen, oder bei Höhlenbewohnern wie Spechten. Sogar bei Menschen könne man dieses Verhalten beobachten, schreiben die Wissenschaftler, und verweisen auf die Wohnungsjäger in Universitätsstädten zu Semesterende ? wobei digitale soziale Netzwerke wie Facebook zunehmend die Koordination erleichtern würden.
Randi Rotjan (Harvard University, Cambridge) et al.: Behavioral Ecology, doi:10.1093/beheco/arq027

ddp/wissenschaft.de ? Thomas Neuenschwander


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