Training gegen Schlaganfall-Folgen

 Übungsroboter des MIT: Eine Gruppe von Schlaganfall-Patienten führte ihr Training der Armfunktionen an einem Roboter durch, der sie je nach Ausmaß der Lähmung angepasst unterstützte. Die Erfolge entsprachen denen bei einer Gruppe, die von Physiotherapeuten betreut wurde. Bild: Brown University.
Übungsroboter des MIT: Eine Gruppe von Schlaganfall-Patienten führte ihr Training der Armfunktionen an einem Roboter durch, der sie je nach Ausmaß der Lähmung angepasst unterstützte. Die Erfolge entsprachen denen bei einer Gruppe, die von Physiotherapeuten betreut wurde. Bild: Brown University.
Eingeschränkte Bewegungsfunktionen nach einem Schlaganfall verbessern sich noch Jahre später durch intensives Training. Das haben US-Wissenschaftler in einer Studie mit 127 Teilnehmern herausgefunden, die im Durchschnitt vor fünf Jahren einen Schlaganfall erlitten hatten. Die Patienten trainierten mit menschlicher Hilfe oder mit Unterstützung eines Roboters über neun Monate Armbewegungen und erreichten damit eine deutlich höhere Kontrolle. Dies äußerte sich bei Alltagstätigkeiten, aber auch in einem generell verbesserten Wohlbefinden. Die Trainierenden profitieren nach Meinung der Wissenschaftler von einer besonderen Flexibilität des Gehirns: Als Folge des Trainings werden die Aufgaben der zerstörten Nervenzellen im Gehirn von anderen Zellen übernommen. Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung können somit auch lange nach einem Schlaganfall die Bewegungsfunktionen noch spürbar verbessert werden, berichten die Forscher um Albert Lo von der Brown University in Providence.
Nach einem Schlaganfall ist häufig eine Körperseite teilweise gelähmt, meist ist der entsprechende Arm am stärksten betroffen. Mit Hilfe von therapeutischen Übungen wird versucht, dem Patienten einen Teil der Kontrolle über die Muskeln zurückzugeben. Bis jetzt wurde die Physiotherapie meist sechs Monate nach dem Schlaganfall eingestellt, da eine Fortsetzung keinen zusätzlichen Gewinn mehr versprach. Um diese Theorie zu überprüfen und einen Therapieroboter des Massachusetts Institute of Technology zu testen, wählten Albert Lo und seine Kollegen 127 Patienten aus, die im Schnitt vor fünf Jahren einen Schlaganfall erlitten hatten ? ein Drittel hatte sogar mehrere erlitten. Die Patienten wurden in drei Gruppen eingeteilt: Die erste Gruppe trainierte dreimal pro Woche und führte jeweils mit Hilfe des Roboters 1024 Armbewegungen durch. Der Roboter unterstützte die Armbewegung je nach Konstitution des Patienten stärker oder schwächer. Die zweite Gruppe hatte den gleichen Trainingsplan, machte aber die Übungen mit Hilfe von Physiotherapeuten. Die dritte Gruppe schließlich wurde zwar gleich wie die anderen Gruppen gesundheitlich versorgt, trainierte ihre beeinträchtigten Arme aber nicht.

Nach neun Monaten überprüften die Forscher die Resultate anhand des sogenannten Fugl-Meyer-Tests. Dabei beantworteten die Patienten eine Reihe von standardisierten Fragen, um die motorischen Funktionen des Arms wie Beweglichkeit, Sensibilität und Koordination festzuhalten. Zusätzlich mussten die Teilnehmer auch Auskunft geben, wie gut sie Alltagshandlungen durchführen konnten, wie etwa Schuhe binden oder mit Messer und Gabel hantieren. Es zeigte sich, dass die trainierenden Gruppen im Vergleich zu der Kontrollgruppe Fortschritte gemacht hatten. Dabei ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den von Physiotherapeuten oder dem Roboter unterstützen Patienten. Die positiven Effekte des Trainings erstreckten sich aber nicht nur auf die Armfunktion: Die Probanden berichteten auch von Erleichterungen bei Aktivitäten, die unabhängig von der Armmuskulatur sind, wie etwa Wandern oder Treppensteigen. Auch das allgemeine Wohlbefinden verbesserte sich im Vergleich zur Zeit vor dem Training.

Die Wissenschaftler führen diese positiven Nebenwirkungen des Trainings darauf zurück, dass Patienten mit einer verbesserten Armsteuerung generell einfacher und selbstständiger im Alltag zurechtkommen. Das motiviere sie, mehr für Unternehmungen aus dem Haus zu gehen als ihre nicht trainierten Kollegen. Das Training verbessere die Armfunktion, da das Gehirn die Fähigkeit habe, gestörte Funktionen durch beschädigte Nervenzellen teilweise durch andere Zellen ausführen zu lassen ? und zwar noch weit länger nach der Verletzung als bisher angenommen. Auch die Kontrollgruppe ohne Training profitierte von der Untersuchung: Nach Ende der Studie konnten sich die Patienten für das Intensivtraining einschreiben.
Albert Lo (Brown University, Providence) et al.: New England Journal of Medicine , doi: 10.1056/NEJMoa0911341

ddp/wissenschaft.de ? Thomas Neuenschwander


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