Schwache Sonne lässt die Europäer frieren

 Im vergangenen Winter waren große Teile Großbritanniens und Mitteleuropas von Schnee bedeckt. Solch strenge Winter könnten in Zukunft wieder häufiger werden. Satellitenaufnahme vom 7. Januar 2010. Quelle: NASA
Im vergangenen Winter waren große Teile Großbritanniens und Mitteleuropas von Schnee bedeckt. Solch strenge Winter könnten in Zukunft wieder häufiger werden. Satellitenaufnahme vom 7. Januar 2010. Quelle: NASA
Kalte Winter wie der vergangene könnten in Zukunft in Großbritannien und Mitteleuropa wieder häufiger werden. Ein internationales Forscherteam ist auf einen Zusammenhang zwischen niedriger Sonnenaktivität und unterdurchschnittlich tiefen Wintertemperaturen in diesen Regionen gestoßen. Demnach kann eine geringe Sonneneinstrahlung ? wie sie zurzeit herrscht ? das mitteleuropäische Wettergeschehen im Winter nachhaltig beeinflussen: Milde Westwinde werden blockiert und stattdessen strömt arktische Kaltluft nach Mitteleuropa und Großbritannien. Die Wissenschaftler konnten in ihrer Studie auf Aufzeichnungen der Temperatur und der Sonnenaktivität zurückgreifen, die bis ins Jahr 1659 zurückreichen. Solche regional tiefen Wintertemperaturen widersprechen aber nicht einer menschengemachten Klimaerwärmung, betonen die Forscher um Mike Lockwood von der University of Reading.
In großen Teilen Europas war der Winter 2009/2010 relativ kalt. In Großbritannien war es sogar der kälteste Winter seit 30 Jahren. Bereits im Jahr zuvor wurden tiefe Wintertemperaturen gemessen, speziell in England. "Wir haben nun entdeckt, dass solche unterdurchschnittlich tiefen Wintertemperaturen in Großbritannien und Mitteleuropa häufig während Phasen niedriger Sonnenaktivität auftreten", sagt Lockwood. Der Klimatologe und seine Kollegen verglichen dazu Temperaturdaten aus England mit Messungen des solaren Magnetfeldes, das ein Maß für die Aktivität der Sonne ist. Zuverlässige Messdaten gehen zwar nur bis 1905 zurück, mit Hilfe von Computersimulationen konnte aber aus den bereits vor dieser Zeit aufgezeichneten Sonnenflecken die Sonnenaktivität bis ins Jahr 1659 rekonstruiert werden. Die bis 1850 zurückreichenden Temperaturdaten wurden unter Verwendung verschiedener Temperaturrekonstruktionen ebenfalls bis zu diesem Zeitpunkt erweitert.

In das übereinstimmende Bild zwischen strengen Wintern in Mitteleuropa und Großbritannien und einer tiefer Sonnenaktivität fügt sich auch der vergangene kalte Winter ein, denn derzeit sendet die Sonne deutlich weniger Strahlung und Teilchen zur Erde als in den letzten 90 Jahren. Der entdeckte Zusammenhang funktioniert jedoch nicht derart, dass auf der Erde durch die geringe Sonnenaktivität weniger Energie vorhanden ist und so das Klima abkühlt, denn die Übereinstimmung zeigt sich nur in den genannten Regionen Europas. Die Wissenschaftler vermuten vielmehr, dass die strengen Winter und die tiefe Sonnenaktivität über ein atmosphärisches Phänomen miteinander verbunden sind, das sie Blockadelage nennen: Bei dieser Wetterlage werden milde westliche Höhenwinde, die in normalen Wintern über Europa häufig auftreten, durch ein hartnäckiges Hochdruckgebiet über dem Atlantik blockiert. Stattdessen stellen sich kalte nordöstliche Winde ein. Diese Wetterlage besteht oft über mehrere Wochen und dominierte im vergangenen Winter das Wettergeschehen über Europa. Sie wird nach Meinung der Wissenschaftler durch eine schwache Aufheizung der Stratosphäre, einer hohen Atmosphärenschicht, begünstigt. Und daran wiederum ist die eine geringe Sonnenaktivität schuld.

Trotzdem sind auch in Zeiten, in denen die Sonne schwächelt, immer noch warme Winter möglich: Einer der wärmsten Winter der letzten 350 Jahre wurde nämlich 1685 aufgezeichnet, mitten in einer Phase sehr tiefer Sonnenaktivität. Die relativ kalten Winter der letzten Jahre in Teilen Europas sind zudem ein regionales Phänomen und können nach Angaben der Forscher nicht als Argument dafür benützt werden, dass die Klimaerwärmung gebremst ist. Weltweit war der Winter 2009/2010 nämlich der fünftwärmste seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen und in Alaska und Kanada wurden stark positive Temperaturabweichungen gemessen, wie auch bei den Olympischen Spielen in Vancouver zu sehen war.
Mike Lockwood (University of Reading) et al.: Environmental Research Letters, Bd. 5, Nr. 2, doi:10.1088/1748-9326/5/2/024001

wissenschaft.de ? Thomas Neuenschwander


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