Warum die Lebensuhr bei manchen Menschen schneller tickt

Forscher haben erstmals eine Art Alterungsgen identifiziert: Ein Erbgutbereich auf Chromosom 3 spielt offenbar eine Schlüsselrolle bei der Frage, wie schnell die Körperzellen und damit der Organismus altern. So haben Träger einer bestimmten Variante dieses Bereichs im Schnitt ungewöhnlich kurze Chromosomenenden ? jene auch Telomere genannten Strukturen, die sich bei jeder Zellteilung verkürzen und damit wie eine ablaufende Uhr die Lebenserwartung einer Zelle bestimmen. Schon wer von nur einem Elternteil die entsprechende genetische Variante geerbt hat, büßt das Äquivalent von 3,6 Jahren an Telomerlänge ein, haben die Forscher errechnet. Es gebe demnach offenbar Menschen, die genetisch darauf programmiert sind, schneller zu altern.
Mit dem Begriff Telomer wird das fadenförmige Ende der Chromosomen bezeichnet, das aus einer langen Reihe von Wiederholungen immer der gleichen Bausteinabfolge besteht. Bei jeder Zellteilung verschwindet sozusagen aus technischen Gründen ein Stück dieser Struktur, denn die für die DNA-Verdopplung zuständigen Enzyme können nicht beide Stränge der Doppelhelix vollständig kopieren. Dieser Verlust ist unkritisch, solange das restliche Telomer eine bestimmte Länge nicht unterschreitet. Sobald diese kritische Schwelle jedoch erreicht ist, ist die Gefahr groß, dass bei der nächsten Teilung essenzielle genetische Information verloren geht. Die Folge: Die Zelle altert und stirbt ab. Aus diesem Grund stehen die Telomere für Alterungsforscher auf der Liste der Verdächtigen ganz oben.

Auch Tim Spector und seine Kollegen vom King's College in London hatten in ihrer Studie die Telomerlänge im Visier. Ihre Idee: Wenn man im Erbgut einer großen Gruppe von Menschen nach genetischen Besonderheiten sucht, die nur bei denen mit ungewöhnlich kurzen Telomeren vorkommen, sollten sich die für das Altern zuständigen Erbgutabschnitte entlarven lassen. Sie suchten daher in den Daten von knapp 3.000 Menschen nach einem solchen Zusammenhang und identifizierten vier erfolgsversprechende Genvarianten. Deren Verbindung mit der Telomerlänge überprüften sie anschließend anhand von weiteren 9.000 Datensätzen. Am Ende blieb eine Region auf Chromosom 3 übrig, die ganz klar mit der Telomerlänge assoziiert waren.

Der Bereich ist laut den Forschern auch deswegen ein derartig heißer Kandidat, weil er in der Nachbarschaft eines Gens liegt, das ebenfalls die Telomerlänge beeinflusst: Es trägt einen Teil des Bauplans für das Enzym Telomerase, das in bestimmten Zelltypen wie etwa Stamm- oder Keimzellen dafür sorgt, dass die Telomere immer wieder verlängert werden. Die neuentdeckte Variante scheint also tatsächlich das biologische Alter ihres Trägers zu erhöhen. Für den Betroffenen könnte dies entweder bedeuten, dass seine Organe älter und damit auch anfälliger für altersbedingte Erkrankungen sind, als sie es rein chronologisch wären. Alternativ könnte es jedoch auch die Empfindlichkeit gegenüber äußeren Einflüssen erhöhen, die das Altern fördern, wie etwa Zigarettenrauch oder UV-Strahlung. Die Forscher hoffen nun, Möglichkeiten zu finden, um diesen Effekt gezielt zu unterdrücken und so das beschleunigte Altern aufzuhalten.
Tim Spector (King's College, London) et al.: Nature Genetics, doi: 10.1038/ng.532

ddp/wissenschaft.de - Ilka Lehnen-Beyel


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