Abwehrtruppen im Wahn

Schizophrenie könnte zumindest zum Teil auf eine Immunreaktion im Gehirn zurückgehen. Darauf deutet jetzt eine Studie schwedischer Forscher hin, die die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit von Patienten kurz nach dem Ausbruch der Krankheit untersuchten. Ergebnis: Im Vergleich zu Gesunden fand sich im Liquor der Schizophrenie-Patienten ein deutlich erhöhter Spiegel eines wichtigen Signalstoffs des Immunsystems. Sollte sich ein Zusammenhang zwischen einem überaktiven Immunsystem und dem Ausbruch der Krankheit auch in weiteren Studien bestätigen, könnte sich ein völlig neuer Behandlungsansatz für die Krankheit eröffnen, von der bis heute unbekannt ist, wie sie eigentlich entsteht.
Schizophrenie bricht meistens im jungen Erwachsenenalter zum ersten Mal mit einem heftigen psychotischen Schub aus. Die Betroffenen verändern dann nicht selten ihre gesamte Persönlichkeit, leiden unter Wahnvorstellungen und können nicht mehr zwischen Realität und Halluzination unterscheiden. Obwohl Schizophrenie relativ häufig ist und zumindest in den westlichen Ländern als eine der schwersten psychischen Erkrankungen überhaupt gilt, ist nach wie vor nicht klar, wie die Krankheit entsteht. Aktuell gilt die Theorie eines Zusammenspiels mehrerer Faktoren als vielversprechendster Erklärungsansatz. Demnach sind die Betroffenen zwar genetisch vorbelastet und zeigen anatomische Auffälligkeiten, erkranken aber nur, wenn bestimmte äußere Umstände dazukommen wie etwa ein traumatisches Erlebnis oder Drogenkonsum.

Es gibt allerdings auch Hinweise darauf, dass eine Infektion im Kindesalter den Ausbruch der Krankheit fördern kann. Johan Söderlund und sein Team suchten daher in ihrer Studie nach Anzeichen für eine Beteiligung des Immunsystems. Im Gegensatz zu den meisten früheren Studien analysierten sie jedoch nicht das Blut, sondern direkt die Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit von 26 Patienten kurz nach Beginn ihres ersten Schubes und verglichen die Zusammensetzung mit der einer gesunden Kontrollgruppe. Das Ergebnis: Bei den Schizophrenikern fand sich tatsächlich ein um das Fünffache erhöhter Spiegel eines Immunsignalmoleküls namens Interleukin-1-beta in der Hirnflüssigkeit.

Ob die erhöhte IL-1-beta-Menge allerdings Ursache oder Folge der Erkrankung ist, lasse sich bisher nicht sagen, so die Forscher. Der Fund passe jedoch bestens ins Bild einer Beteiligung des Immunsystems. So gehört IL-1-beta zu den sogenannten Cytokinen, Botenstoffen der Körperabwehr, denen bei verschiedenen Krankheiten Symptome wie Lethargie, Lustlosigkeit, kognitive Einschränkungen und sozialer Rückzug zugeschrieben werden ? alles Kennzeichen, die auch bei einer Schizophrenie auftreten. Zudem können Cytokine im Tierversuch den Dopaminhaushalt im Gehirn durcheinanderbringen, und Schizophrenie scheint ebenfalls mit einer Überempfindlichkeit für Dopamin einherzugehen. Sollte sich der Verdacht bestätigen, wären Wirkstoffe, die das Immunsystem regulieren, eine vielversprechende Alternative für eine echte ursächliche Behandlung der Krankheit.
Johan Söderlund (Karolinska-Institut, Stockholm) et al.: Molecular Psychiatry, Bd. 14, S. 1069, doi: 10.1038/mp.2009.52

ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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