Die Frau der Zukunft: klein und dick

US-Forscher haben eine Antwort auf die Frage gefunden, wohin sich die Menschheit entwickelt ? zumindest für die weibliche Hälfte: Frauen werden in Zukunft etwas dicker und kleiner sein als heute, dafür aber ein gesünderes Herz-Kreislauf-System besitzen. Sie bekommen ihr erstes Kind etwas früher, während die Wechseljahre später einsetzen. Gezogen haben die Wissenschaftler diese Schlussfolgerungen aus der Analyse der Daten von über 2.200 Frauen, die in der sogenannten Framingham-Studie seit gut 60 Jahren gesammelt werden. Fazit: Die Evolution des Menschen und der Einfluss der natürlichen Selektion sind keineswegs zum Stillstand gekommen, sondern wirken nach wie vor auf die Menschheit ein.
Aufgrund der enormen Fortschritte der modernen Medizin in den vergangenen Jahren spekulieren Wissenschaftler immer wieder darüber, ob die Evolution des Menschen tatsächlich noch voranschreitet. Ihre Begründung: Früher führten Krankheiten dazu, dass die Betroffenen nicht überlebten und sich folglich auch nicht fortpflanzen konnten. Dadurch hatten Gesunde einen Vorteil, und ihre Gene konnten sich besser durchsetzen. Heute überleben jedoch viele Menschen die früher tödlichen Erkrankungen, so dass der Effekt zumindest abgeschwächt sein müsste. Stephen Stearns und seine Kollegen waren jedoch anderer Ansicht: Auch wenn die natürliche Selektion heute nicht mehr das Überleben beeinflusst, könnte sie doch nach wie vor einen Einfluss auf die Fortpflanzungsrate haben, so ihre These. Besonders gut an das heutige Leben angepasste Frauen sollten dementsprechend mehr Kinder haben, so dass sich die vorteilhaften Eigenschaften nach und nach in der Bevölkerung durchsetzen müssten.

Um das zu testen, benutzten die Wissenschaftler die Daten der Framingham-Studie, in der seit 1948 Informationen zu Gesundheit und Lebensstil von Bewohnern der Kleinstadt Framingham in Massachusetts gesammelt werden. Mittlerweile sind bei vielen Familien sogar mehrere Generationen erfasst. Bei der Analyse suchten die Forscher nach Eigenschaften, die vor allem bei kinderreichen Frauen vorkamen ? und wurden fündig: Im Schnitt waren diese Frauen etwas kleiner, kräftiger gebaut, hatten einen niedrigeren Cholesterinspiegel und einen niedrigeren Blutdruck. Zudem war ihre fruchtbare Lebensphase länger als die schlankerer, größerer Frauen.

Sollte sich dieser Trend für weitere zehn Generationen fortsetzen, wären Frauen im 24. beziehungsweise 25. Jahrhundert im Schnitt zwei Zentimeter kleiner und ein Kilogramm schwerer als heute. Ihr erstes Kind käme fünf Monate früher und ihre Wechseljahre setzten zehn Monate später ein. Mit einer solchen Evolutionsgeschwindigkeit läge der Mensch übrigens vollkommen im Durchschnitt: Auch bei den meisten Tieren und Pflanzen schreitet die Entwicklung nicht schneller fort.
Stephen Stearns (Yale University, New Haven) et al.: PNAS, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1073/pnas.0906199106

ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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