Wie Kafkas "Prozess" beim Lernprozess hilft

Absurde Literatur oder andere Erfahrungen mit logisch kaum nachvollziehbarem Sinn schärfen die Bereitschaft, etwas zu lernen. Das haben amerikanische Psychologen herausgefunden, als sie Studenten eine Kurzgeschichte von Franz Kafka lesen ließen und dann versuchten, ihnen eine erfundene Grammatik beizubringen. Die Kafka-Leser lernten besser und mehr als die Kontrollgruppe, die eine gewöhnliche Geschichte gelesen hatte. Dieser Effekt tritt offenbar nach jeder Art von surrealem oder nicht sinnvollem Erlebnis ein, wiesen die Forscher in weiteren Experimenten nach.
Das Geheimnis des Prager Schriftstellers Franz Kafkal liege in seiner "fundamentalen Zweideutigkeit", meinte bereits Albert Camus. Den nicht umsonst als kafkaesk bezeichneten Wechsel zwischen dem Absurden und dem Logischen machten sich die Forscher zunutze: Versuchseilnehmer lasen die Kurzgeschichte "Ein Landarzt", deren roter Faden gegen Ende immer mehr verschwindet, bis die Erzählung abrupt endet. Danach bekamen die Probanden 45 Buchstabenreihen vorgelegt, die in einer zwar erfundenen, aber doch logischen Grammatik gehalten waren. Anschließend teilten die Wissenschaftler ihnen mit, hinter den scheinbar unlogischen Buchstabenreihen hätte ein System gestanden. Sie testeten die Aufnahmefähigkeit der Probanden, indem diese weitere Buchstabenreihen danach beurteilen sollten, ob sie ihrer Meinung nach in der unbekannten Grammatik verfasst waren oder nicht.

Diejenigen Probanden, die das Original der Landarztgeschichte gelesen hatten, erkannten mehr von den in der erfundenen Grammatik verfassten Buchstabenreihen als andere, die eine umformulierte Geschichte mit eingängigem Inhalt und Ende gelesen hatten. Außerdem gaben die Kafkaleser generell öfter an, die Buchstaben hätten ein System ? sie suchten also verstärkt nach einem Sinn hinter den Lettern. Dasselbe Verhalten zeigten Probanden, die sich zwar nicht mit Kafka auseinandersetzen mussten, aber ein anderes absurdes Erlebnis hinter sich hatten: Sie sollten im Vorfeld der Buchstabentests zwei Ereignisse aus ihrem Leben schildern, in welchen sie sich völlig gegensätzlich verhalten hatten. Dann mussten sie formulieren, wie dies auf eine Existenz mehrerer Teile ihrer Persönlichkeit schließen ließ.

Die Erfahrung von etwas, das eigentlich keinen logischen Sinn ergibt, wie surreale Kunst oder das Infragestellen der eigenen Persönlichkeit, bringe einen Menschen dazu, nach einer anderen Art von Struktur in seiner Umwelt zu suchen, erklärt Proulx. Dies sei quasi eine Kompensation für das verwirrende Erlebnis oder diene dazu, das verrutschte Weltbild wieder ins Lot zu bringen. Wichtig sei aber, dass dieser Mechanismus unbewusst ablaufe. "Vor dem Vokabelnbüffeln noch schnell eine Kurzgeschichte von Kafka lesen, hilft vermutlich nicht viel", so Proulx weiter. Dennoch wollen die Forscher nun die Auswirkung des Absurden auch auf bewusste Lernvorgänge untersuchen.

Travis Proulx (Universität von Kalifornien, Santa Barbara) und Steven Heine (Universität von British Columbia, Vancouver): Psycological Science (Vol. 20, S.1125).

ddp/wissenschaft.de ? Martina Bisculm


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