Erst Baum, dann Boden

 Der aufrechte Gang belastet das Skelett auf ganz andere Weise als der Knöchelgang der Affen. Bild: M. Garde, Wikipedia
Der aufrechte Gang belastet das Skelett auf ganz andere Weise als der Knöchelgang der Affen. Bild: M. Garde, Wikipedia
Der aufrechte Gang bei den Vorfahren des Menschen ist entstanden, als diese von den Bäumen auf ein Leben am Boden wechselten. Das sagen die US-amerikanischen Anthropologen Tracy Kivell und Daniel Schmitt nach einer Auswertung der Anatomie heute lebender Menschenaffen. Die Forscher widersprechen damit der unter Wissenschaftlern ebenfalls gängigen Theorie, nach der sich die aufrechte Gangart bei Vorfahren des Menschen entwickelt hat, die bereits am Boden lebten.
Über die Frage, wann und wie die Vorfahren des Menschen begannen, aufrecht zu gehen, diskutieren Wissenschaftler bereits seit den Zeiten Charles Darwins. Zwei Theorien haben sich etabliert: Der Mensch stamme von einem Vorfahren ab, der sich während der Bewegung am Boden mit den Fingerknöcheln abstützte, lautet die erste Theorie. Von diesem Vorfahren könnten auch die heutigen Menschenaffen abstammen, die sich am Boden ebenfalls in diesem sogenannten Knöchelgang fortbewegen. Das zweite Erklärungsmodell geht hingegen davon aus, dass der Gang auf zwei Beinen bei einem Vorfahren begann, der noch überwiegend auf Bäumen lebte und zunächst nur gelegentlich den Boden betrat. Hinweise für diese Theorie glauben Kivell und Schmitt nun mit ihren Daten gefunden zu haben.

Die beiden Forscher analysierten in ihrer Studie den Knochenbau von 104 Schimpansen, 43 Bonobos und 91 Gorillas und richteten ihr Augenmerk dabei darauf, wie stark sich dieser im Verlauf der Evolution an den für diese Affen typischen Knöchelgang angepasst hat. Dabei stießen die Wissenschaftler auf große Unterschiede zwischen den einzelnen Affenarten: Während die Gorillas nur eine sehr geringe Anpassung an die Bewegung am Boden zeigten, fanden die Forscher in der Anatomie bei Bonobos und Schimpansen sehr viel mehr solcher typischen Merkmale. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass sich der Knöchelgang bei Gorillas zu einem anderen Zeitpunkt entwickelt hat als bei Schimpansen und Bonobos.

Aufgrund dieser Beobachtung glauben Kivell und Schmitt, dass es keinen gemeinsamen Vorfahren von Menschen und allen Menschenaffen gegeben hat, der sich bereits im Knöchelgang fortbewegte. Vielmehr habe sich diese Fortbewegungsweise bei den Gorillas unabhängig von den anderen Affen entwickelt. Der Mensch schließlich stamme von einem Vorfahren ab, der noch überwiegend auf Bäumen lebte und dessen Lebensweise der heutiger Schimpansen ähnelte, glauben die Forscher. Bei seinen Ausflügen auf den Boden begann dieser Vorfahr, auf zwei Beinen zu gehen. Die anatomischen Hinweise, die bereits bei diesen frühen Vorfahren des Menschen auf einen Knöchelgang am Boden hindeuteten, seien falsch interpretiert worden, erklären die Wissenschaftler: In Wirklichkeit seien diese Merkmale als Anpassung an das Leben auf Bäumen entstanden.
Tracy Kivell und Daniel Schmitt (Duke University in Durham): PNAS, doi 10.1073/pnas.0901280106

ddp/wissenschaft.de ? Ulrich Dewald


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