Was sozialer Stress anrichten kann

US-Forscher haben möglicherweise eine Erklärung dafür gefunden, warum das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei sozial benachteiligten Menschen überdurchschnittlich hoch ist: Der Stress, der mit schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen und wenig zwischenmenschlichen Kontakten einhergeht, scheint den Körper dazu zu veranlassen, Fettspeicher eher im Bauchraum als unter der Haut anzulegen. Dieses sogenannte Bauchfett produziert im Gegensatz zum normalen Fettgewebe verschiedene Botenstoffe, die die Blutgefäße und das Herz-Kreislauf-System belasten, und gilt daher als einer der Hauptauslöser für Arteriosklerose und Herzkrankheiten. Bislang konnten die Wissenschaftler diesen Zusammenhang zwar nur bei Affen direkt nachweisen ? sie halten es jedoch für sehr wahrscheinlich, dass der Mechanismus beim Menschen sehr ähnlich ist.
In der Studie bekamen 41 Javaneraffenweibchen Futter mit einem relativ hohen Fett- und Cholesteringehalt, wie er auch für den Ernährungsstil in den westlichen Industrieländern typisch ist. Die Affen lebten in Gruppen, in denen sich mit der Zeit strenge soziale Hierarchien ausbildeten ? inklusive sozial benachteiligter Weibchen, die sehr häufig das Ziel aggressiver Attacken waren, weniger Futter zur Verfügung hatten und nur selten in den Genuss der Fellpflege durch ihre Artgenossen kamen. Die Wissenschaftler registrierten bei allen Affen unter anderem Werte wie Herzfrequenz und Körpergewicht sowie das Verhältnis von Bauchfett- zu Unterhautfettgewebe.

Die Weibchen, die besonders stark unter dem sozialen Stress gelitten hatten, entwickelten im Vergleich zu ihren bessergestellten Artgenossinnen mehr Fett in der Bauchregion, zeigte die Auswertung. Dahinter steckt vermutlich ein stärkerer Anstieg der Stresshormonspiegel im Blut der betroffenen Weibchen, der die Ablagerung des Bauchfetts fördert. Der soziale Stress erhöht demnach direkt den Anteil an Bauchfett und damit indirekt auch das Risiko für Gefäßerkrankungen und Herzprobleme.

Interessanterweise nahm bei den besonders betroffenen Weibchen mit dem Anstieg von Stresshormonen und Bauchfettanteil die Aktivität der Eierstöcke ab: Sie produzierten weniger Hormone als bei den Affen, die eine bessere Position in der Hackordnung innehatten. Damit fällt ein wichtiger Schutzmechanismus des weiblichen Körpers vor Arteriosklerose und Co flach, betonen die Forscher ? schließlich gelten die weiblichen Geschlechtshormone als Hauptursache dafür, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen später einsetzen und häufig auch weniger ausgeprägt sind als bei Männern. Ein solcher Hormonmangel sei nicht zuletzt deswegen gefährlich, weil er sich nicht unbedingt in Form von Zyklusstörungen oder ähnlichen Problemen bemerkbar macht. Die Forscher empfehlen daher, in Zukunft die Funktion der Eierstöcke bei übergewichtigen Frauen intensiver zu untersuchen, um mögliche Spätschäden eines Hormonmangels verhindern zu können.


Carol Shively (Wake-Forest-Universität, Winston-Salem) et al.: Obesity, Bd. 17, S. 1531

ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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