Fabel mit wahrem Kern

Was Aesop in seiner Fabel "Die Krähe und der Wasserkrug" schon vor zweieinhalb Jahrtausenden beschrieben hat, konnten britische Forscher nun erstmals experimentell nachweisen: Krähen warfen in ihren Versuchen Steine in ein Gefäß, um den Wasserspiegel so weit ansteigen zu lassen, dass sie an eine im Wasser schwimmende Beute gelangen konnten. Sie lernten zudem nach wenigen Versuchen, dass größere Steine schneller zum Erfolg führen und dass das Prinzip nur mit Wasser und nicht mit Sägemehl funktioniert. In der Fabel des griechischen Dichters Aesop wird bereits ein Vogel beschrieben, der so lange Steine in einen Krug wirft, bis er das Wasser erreichen kann.
Vier Krähen wurden zuerst Plastikröhren präsentiert, die mit Wasser in verschiedenen Höhen gefüllt waren, in dem ein Wurm schwamm. In keinem Fall konnten die Vögel die Beute direkt erreichen. Dann bekamen sie Steine verschiedener Größe zur Verfügung gestellt, die sie sofort ähnlich wie ein Werkzeug einsetzten und ins Wasser warfen, um dessen Spiegel anzuheben. So konnten sie den Wasserspiegel ansteigen lassen und den Wurm fassen. Offenbar versuchten die Vögel sogar einzuschätzen, wie viele Steine sie benötigen würden: Sie kontrollierten erst kurz vor Erreichen des benötigten Wasserspiegels, ob die Beute schon nah genug war.

Zur Kontrolle diente eine mit Sägemehl gefüllte Röhre. Die Vögel inspizierten diese zwar, Steine jedoch warfen sie nach wenigen Fehlversuchen nur noch in den Behälter mit Wasser. Ähnlichen Werkzeuggebrauch hatten Forscher bisher nur bei Orang Utans nachgewiesen. Bei den Krähen handelte es sich um eingefangene Wildtiere. Ihr Verhalten scheint zielgerichtet zu sein, denn die Tiere erhielten die Belohnung erst nach einer Serie von Handlungen und nicht unmittelbar nach einer einmaligen Anstrengung. Ein einzelner ins Wasser geworfener Stein nützte also noch nichts. Zudem minimierten die Vögel ihren Aufwand, indem sie zuerst größere Steine verwendeten.

Bisher konnte ähnliches Verhalten von Vögeln in freier Wildbahn zwar beobachtet werden, allerdings nicht bei Krähen. Die Forscher vermuten, dass dies mit dem breiten Nahrungsspektrum der Tiere zusammenhängt: Sie können sich meist eine andere Nahrungsquelle erschließen, wenn eine Beute allzu schwer zugänglich ist. Die Beobachtungen könnten einen Beweis dafür liefern, dass sich die Fähigkeit zu bewusstem Handeln oder zumindest einer Vorstufe davon im Laufe der Erdgeschichte mehrmals entwickelt hat. Bisher ist dies nur von Säugetieren wie Delfinen und Hominiden ? Menschen und Primaten ? bekannt.
Christopher Bird (Universität in Cambridge): Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2009.07.033

ddp/wissenschaft.de ? Martina Bisculm


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