Schon wieder keine Revolution

Foto: ojogabonitoo/thinkstock
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Einer meiner Lehrer auf dem Gymnasium in den 1960er Jahren hatte sich damals darüber beklagt, dass die Schüler nur seine dummen Sprüche und faulen Witze behalten. Die wirklich wichtigen Dinge, wie die Geschichte Roms oder der Dreisatz in der Mathematik, gingen zum einen Ohr rein- und aus dem anderen Ohr wieder raus. Merkwürdigerweise trifft seine Bemerkung auch in der Welt der Gelehrten zu, in der sich vor allem dumme Dinge halten und permanent wie penetrant als Wahrheit verkündet werden. Betrachten wir ein Beispiel.

Der aus Italien stammende und in Oxford lehrende Philosoph Luciano Floridi hat ein Buch geschrieben. Er nannte es großsprecherisch "Die vierte Revolution", im Original "The Fourth Revolution". Im Untertitel verrät der Professor für Ethik in der Information – was für ein Fach! –, worum es ihm geht. Nämlich um die Frage, "wie die Infosphäre die menschliche Realität neu gestaltet". "How the Infosphere Is Reshaping Human Reality" heißt es im Original. In seinem Buch stellt Floridi die starke These auf, dass die Wirklichkeit in Wirklichkeit aus Information besteht. Der entscheidende Vorschlag lautet: "What is real is information and what is informational is real." Also etwa: "Was wirklich ist, ist Information, und was informativ ist, ist wirklich."

Die vier "Revolutionen" der Geistesgeschichte

Wenn der Philosoph dies als vierte Revolution bezeichnet, dann müssen ihr drei vorangegangen sein. Die zählt er auch auf: zum ersten die Kopernikanische Revolution der Astronomie, die den Menschen aus der Mitte des Universums nahm, zum zweiten die Darwinsche Revolution der Biologie, die den Menschen als Krone der Schöpfung entfernte, und zum dritten die Freudsche Revolution der Psychologie, die den Menschen nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus sein ließ. Und nun die vierte Revolution, nach der Menschen nicht mehr die Information beherrschen, sondern von ihr beherrscht werden und die Maschinen dabei immer besser werden.

Das klingt zwar dramatisch und sollte Anlass zur Sorge geben, doch keine Panik. Es ist mehr oder weniger bloßes Gefasel, das vor allem eines nicht ist: nämlich informativ. Wie es Philosophen gerne bei großen Gedankensprüngen tun, übersehen sie die kleinen Fallen der Historie. Kopernikus hat die Menschen erhöht und näher zu den Göttern gestellt, wie Zeitgenossen im 16. Jahrhundert bemerkt und beschrieben haben – eine Information, die in Oxford nicht angekommen ist. Und Darwin hat den Menschen dort gelassen, wo er war, nämlich an der Spitze der Entwicklung, nur dass diese keine göttliche Schöpfung mehr benötigte und mit kausalen Mechanismen auskam. Auch Freud hat das alles nicht verstanden und sich in eine Reihe mit den beiden genannten Großen gestellt, um seine eigene Bedeutung zu erhöhen. Der uninformierte Ethiker der Information nimmt dem Psychoanalytiker den Blödsinn ab und merkt nicht, dass seine vorgeschlagene vierte Revolution historisch auf die Nase fällt und zudem ziemlich schlechte Philosophie ist.

Informationen können nicht ohne den Menschen sein

Wovon Kopernikus und Darwin schreiben, geschieht unabhängig von einem Beobachter. Doch wenn Informationen ins Spiel kommen, ist ein Bewusstsein nötig, und zwar das eines Menschen, der sich – anders als eine Maschine – für all das interessiert. Informationen können nicht die Grundstruktur des Universums ausmachen, wie es etwa die Teilchen der Physik tun sollen.

Die vierte Revolution können Menschen ruhig verschlafen. Die ersten drei hat es in der Form auch nicht gegeben. Gelassen bleiben! Entschleunigen! Das gilt vor allem für Ethiker, erst recht die der Information. Die Menschen werden auch ohne sie bekommen, was sie brauchen.

 

Ernst Peter Fischer

ist Physiker, Biologe und habilitierter Wissenschaftshistoriker. Er hat mehr als 50 Bücher geschrieben - neben Biographien und Firmengeschichten über Themen, die von Atomphysik bis zu Hirnforschung reichen. "Die andere Bildung" hat eine Auflage von mehr als 100.000 erreicht und ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. 2014 erscheint sein Buch "Die Verzauberung der Welt". Darin beschreibt Fischer, wie und warum naturwissenschaftliche Erklärungen die Geheimnisse der Natur nicht aufheben, sondern erst vertiefen.

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