Keine Angst, sich zu blamieren

DNA-Stränge (Foto: takahashi_kei/Thinkstock)
DNA-Stränge (Foto: takahashi_kei/Thinkstock)

Als vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, begann im Schatten der großen Schlachten der Aufstieg der Molekularbiologie. Mediziner in New York stellten zum ersten Mal fest, aus welcher Chemikalie das Erbmaterial besteht: aus der DNA heißt. Zur gleichen Zeit machte sich ein Physiker in Dublin Gedanken über die Frage, "Was ist Leben?" Die Antwort steht zwar bis heute aus. Aber die Suchrichtung war damit gesetzt.

Wenn es um die Geschichte der Wissenschaft geht, entsteht leicht der Eindruck, dass da stets Leute am Werk waren, die genau wussten, was sie tun, und furchtlos waren. Wer genauer hinblickt, merkt, wie sehr es selbst in der exakten Forschung menschelt und wie rasch sich in den Köpfen der Protagonisten die Angst vor einer Blamage breit macht. Wenig anders lief es bei der Entdeckung der DNA ab.

In der Mitte der 1940er-Jahren untersuchten an der Rockefeller Universität in New York Biochemiker unter Leitung von Oswald Avery das Verhalten von besonderen Bakterien mit Namen Pneumokokken - sie können lebensgefährliche Lungenentzündungen hervorrufen. Worum ging es den Männern: Sie wollten wissen, welcher Teil der Bakterien pathogen wirkt, also Krankheiten auslöst, und wie diese Fähigkeit erhalten bleibt, wenn sich die Einzeller im Körper ausbreiten und vermehren. Nach sorgfältigen Analysen kamen Avery und seine Kollegen zu dem Schluss, dass der Stoff, der heute DNA heißt, das genetische Material der Pneumokokken bildet. Und gefährlich macht sie ein spezielles Stück davon.

Zu simpel, um wahr zu sein

Zwar wissen wir heute, dass Avery und seine Kollegen damit der entscheidende Hinweis auf die molekulare Natur der Gene gelungen war. Aber als die Experimente durchgeführt wurden, dachten die meisten Biochemiker, dass ganz andere Substanzen - nämlich Proteine - das Erbmaterial bildeten. Bestand die DNA doch nur aus vier Molekülsorten und galt daher als zu simpel, um Erbinformationen speichern zu können. Avery zögerte dehalb, seine Ergebnisse zu präsentieren. Er hatte Angst, sich zu blamieren. Zu guter Letzt formulierte er seine Erkenntnisse derart vorsichtig und drückte sich so gewunden aus, dass die Molekularbiologen seiner Zeit noch bis zum Beginn der 1950er-Jahren brauchten, um die Jahrhunderteinsicht nachvollziehen zu können. Dann gab es allerdings kein Halten mehr.

Dass Schwung in die Forschung kann, dafür hatte aber auch das Büchlein "Was ist Leben?" gesorgt. Die englische Ausgabe erschien 1944 und sein Autor war kein geringerer als der Österreicher Erwin Schrödinger, seit 1933 Nobelpreisträger für Physik. Schrödinger versuchte zu verstehen, wie es das Leben schafft, seine Ordnung nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern von Generation zu Generation weiterzugeben. Er vermutete, dass das Leben über besondere Strukturen verfügen musste, die für den Erhalt der Ordnung zuständig waren. Diese Strukturen trugen da schon einen Namen: Die Biologen sprachen von Genen, doch ohne wirklich viel von ihnen zu wissen. Sie hatten noch keine Vorstellung davon, wie Gene ihre besondere Funktion ausübten, bis Schrödinger die zündende Idee beitrug: Es müsse einen Code geben, der das Leben instruiert. Diesen Code galt es fortan zu knacken - was im Verlauf der nächsten Jahrzehnte geschah. Averys etwa zeitgleiche Identifizierung der DNA befeuerte diesen Prozess.

Auch Schrödinger war sich nicht sicher

Schrödingers Buch "Was ist Leben?" erscheint bis heute in immer neuen Auflagen. So entsteht der Eindruck eines souveränen Werkes, das ein souveräner Wissenschaftler mit Weitblick geschrieben hat. Tatsächlich fühlte sich der Physiker höchst unsicher, als er sich den biologischen Fragen zuwandte, die Kollegen in seinen Tagen diskutierten. Im Vorwort des Buches meinte er, sich für seinen Ausflug rechtfertigen zu müssen. Schrödinger schrieb, dass man bereit sein muss, sich zu blamieren, um mutige Vorschläge machen zu können. Ohne diesen Mut zur eigenen Bloßstellung mit der dazugehörigen Pleite käme die Wissenschaft kaum voran.

Es wäre schön, wenn sich dieser Mut wieder mehr zeigen würde. Wer immer auf der sicheren Seite stehen will, findet sich eines Tages selbst langweilig - so aufregend die Wissenschaft insgesamt auch sein mag.

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