Was Kulturbarrieren mit menschlichen Genen zu tun haben

Kulturelle und sprachliche Barrieren könnten die Ursache dafür sein, dass sich alle heute lebenden Menschen genetisch so ungewöhnlich stark ähneln. Das schließen zwei Paläoanthropologen aus Computersimulationen, in denen sie den Einfluss kultureller Unterschiede auf die genetische Durchmischung von Gruppen testeten. Das Ergebnis: Wenn sich die frühen Menschen vor allem Partner mit sehr ähnlichen kulturellen Gewohnheiten und Kommunikationsformen gesucht haben, pflanzten sie sich hauptsächlich innerhalb ihrer eigenen, begrenzten Gruppe fort, und neue Genvarianten konnten sich nicht großflächig ausbreiten. Im Lauf der Zeit verschwand dann der Großteil dieser einzelnen Gruppen. Übrig blieb eine vergleichsweise homogene Bevölkerung, deren genetische Vielfalt sehr viel geringer ist als etwa die von Gorillas oder Schimpansen ? und das, obwohl es sehr viel mehr individuelle Menschen als Menschenaffen gibt.
Dass sich zwei beliebige Menschen unabhängig von ihrem Aussehen oder ihrer Herkunft genetisch stärker ähneln als zwei Schimpansen oder zwei Gorillas, stellt Forscher bereits seit den 1970er Jahren vor ein Rätsel. Zur Erklärung wird heute meist die sogenannte Flaschenhals-Theorie herangezogen. Demnach reduzierte sich die Populationsgröße der Menschen durch eine Katastrophe oder eine Klimaveränderung irgendwann innerhalb der vergangenen 100.000 Jahre auf 10.000 oder noch weniger Individuen, die sich dann erst nach und nach wieder vermehrten.

Damit lasse sich jedoch nicht erklären, dass auch beim Neandertaler, einem Verwandten des modernen Menschen, und sogar dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens und Neandertaler die genetische Vielfalt auffallend gering war, geben Luke Premo und Jean-Jacques Hublin zu bedenken. Denn jedes Flaschenhals-Ereignis, das bereits diesen Urahn getroffen hätte, hätte gleichzeitig auch die Gene der Vorfahren heutiger Menschenaffen beeinflusst ? und damit auch deren Vielfalt reduziert. Die Forscher vermuten vielmehr, dass die Ursache im augenscheinlichsten Unterschied zwischen Menschen und Menschenaffen zu suchen ist: ihrer unterschiedlich ausgeprägten Kultur.

Das wird auch vom Ergebnis der Computersimulationen gestützt: Solange ähnliche kulturelle Gewohnheiten wie bei Menschenaffen keine Bedingung für die Partnerwahl sind, findet ein reger genetischer Austausch statt, der praktisch ausschließlich durch geografische Faktoren limitiert wird. Wird aber die Wahl des Partners von einer möglichst ähnlichen Kultur abhängig gemacht, reduziert sich der Austausch ? und damit auf Dauer auch die genetische Vielfalt. Bislang gebe es zwar nur wenige archäologische Beweise dafür, dass die Vor- und Frühmenschen bereits vor 500.000 Jahren in einzelnen Gruppen lebten und unterschiedliche Kulturen pflegten, geben die Forscher zu. Das könnte jedoch auch daran liegen, dass die kulturelle Identität durch etwas Flüchtiges wie die Sprache vermittelt wurde ? und nicht durch Kultobjekte, Schmuck oder andere Gegenstände, die lange Zeit erhalten bleiben.
Luke Premo und Jean-Jacques Hublin (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig): PNAS, DOI: 10.1073/pnas.0809194105

ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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