Der Exodus der Männer

 In mehreren Stufen erorberte der Mensch von Afrika aus die gesamte Welt. Dargestellt ist hier die Verteilung der sogenannten mitochondrialen Haplogruppen, eines genetischen Kennzeichens, mit dessen Hilfe die Abstammungslinie bis zum Beginn zurückverfolgt werden kann. Bild: Wikipedia
In mehreren Stufen erorberte der Mensch von Afrika aus die gesamte Welt. Dargestellt ist hier die Verteilung der sogenannten mitochondrialen Haplogruppen, eines genetischen Kennzeichens, mit dessen Hilfe die Abstammungslinie bis zum Beginn zurückverfolgt werden kann. Bild: Wikipedia
Männer und Frauen waren beim Auszug der Menschheit aus Afrika vor rund 60.000 Jahren keine gleichberechtigten Partner: Die Menschenhorden, die zu jener Zeit den afrikanischen Kontinent verließen und sich in weiten Wanderbewegungen Asien und Europa erschlossen, bestanden zunächst überwiegend aus Männern. Das schließen US-Mediziner aus bestimmten genetischen Merkmalen von Afrikanern, Europäern und Asiaten. Die Vermutung deckt sich zudem mit der Beobachtung, dass auch in anderen Jäger-Sammler-Gesellschaften lange Wanderungen eher von Männern und Kurzstreckenerkundungen bevorzugt von Frauen unternommen werden.
Die Forscher machten sich eine Besonderheit der Verteilung der Geschlechtschromosomen bei Männern und Frauen zunutze: Frauen haben ein Geschlechtschromosomenpaar, XX, während Männer die Chromosomenkombination X plus Y aufweisen. Außerdem besitzen Männer wie Frauen 22 weitere nicht-geschlechtsspezifische Chromosomenpaare. Je mehr Männer also in einer Menschengruppe vorhanden sind, umso geringer wird daher die Zahl der X-Chromosomen relativ zu den übrigen Chromosomen, da Männer nur eines, Frauen hingegen zwei beisteuern.

Die Forscher untersuchten nun Mutationen und die Mutationshäufigkeit im Erbgut von Menschen aus Westafrika, Nordeuropa und Ostasien. Daraus können sie zum Beispiel ableiten, wann sich Bevölkerungsgruppen von gemeinsamen Vorfahren abspalteten und eigene Wege gingen. Das X-Chromosom muss sich in einem bestimmten Zeitraum sehr viel stärker genetisch verändert haben als die nicht-geschlechtsspezifischen Chromosomen, fanden die Forscher heraus. Sie konnten dieses Ereignis auf rund 60.000 Jahre vor heute zurückdatieren. Aus den Veränderungen auf dem X-Chromosom konnten die Forscher qualitativ auf das Verhältnis von Männern zu Frauen schließen. Ergebnis: Damals müssen unter den auswandernden Menschen viel mehr Männer als Frauen gewesen sein.

Später haben sich die Bevölkerungsanteile der beiden Geschlechter jedoch schnell wieder angeglichen, erklären die Forscher ? und zwar noch bevor sich die Wanderbewegung in Richtung Nordeuropa und Asien fortsetzte. Die Drift im X-Chromosom fanden die Forscher nur zwischen nordeuropäisch- und westafrikanischstämmigen sowie asiatischen und westafrikanischen Menschen, nicht aber zwischen Nordeuropäern und Asiaten. Zwar könnten auch andere Ursachen diese Gendrift erklären, doch halten die Forscher ihre Interpretation für die plausibelste: Aus Jäger-Sammler-Gesellschaften sind ähnliche geschlechtsspezifische Präferenzen für Wanderbewegungen bekannt, und auch in modernen Gesellschaften bilden häufig die Männer die Vorhut bei den Migrationsströmen.
Alon Keinan (Harvard Medical School, Boston) et al.: Nature Genetics, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1038/ng.303

ddp/wissenschaft.de ? Martin Schäfer


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