Kämpfer haben kurze Beine

 Australopithecinen wie
Australopithecinen wie "Lucy" hatten lange Arme und kurze Beine, wie hier bei einem nachgebildeten Skelett zu sehen ist. Foto: Danrha, Wikipedia
Der berühmte Vormensch "Lucy" und seine Verwandten hatten vergleichsweise kurze Beine, weil ihnen das Vorteile beim Kämpfen verschaffte. Das glaubt zumindest der US-Biologe David Carrier nach einem Vergleich von Beinlänge und Aggressivität bei heute lebenden Primatenarten. Dabei gebe einen eindeutigen Trend, erklärt der Forscher: Je kürzer die Beine, desto aggressiver seien die Männchen der jeweiligen Spezies. Er vermutet daher, dass der feste Stand und der niedrige Schwerpunkt kurzer Beine auch für die Vertreter der Vormenschengattung Australopithecus entscheidende Vorteile im Kampf waren. Bisher hatten Wissenschaftler angenommen, die Menschenvorfahren hätten hauptsächlich beim Klettern von ihren kurzen Beinen profitiert.
Die Australopithecinen, zu denen auch das 1974 entdeckte und heute unter dem Namen "Lucy" bekannte weibliche Skelett gehört, lebten in der Zeit von vor vier Millionen bis vor zwei Millionen Jahren. Obwohl die Frühmenschen höchstwahrscheinlich bereits aufrecht gehen konnten, hatten sie noch ungewöhnlich kurze Beine ? zwar länger als Schimpansen, aber doch deutlich kürzer als ihre Nachfahren, die Vertreter der Gattung Homo. Forscher hatten bislang geglaubt, dass sich dieses Körpermerkmal vor allem deswegen über fast zwei Millionen Jahre erhalten hat, weil es Vorteile beim ebenfalls noch praktizierten Klettern auf den Bäumen bot.

Diese Erklärung will David Carrier zwar nicht völlig ausschließen, er hält sie jedoch für unwahrscheinlich ? schließlich verbringen heute gerade die Affen mit den vergleichsweise kürzesten Beinen, nämlich männliche Orang-Utans und Gorillas, die geringste Zeit auf Bäumen. Der Biologe untersuchte daher bei acht Primatenarten, darunter Gorillas, Schimpansen, Orang-Utans, Gibbons, Paviane und Meerkatzen, ob es einen Zusammenhang zwischen Beinlänge und der Aggressivität der Männchen im Kampf um die Weibchen gibt. Als Maß für die Kampfbereitschaft der Männchen diente ihm dabei der Unterschied in der Körpergröße und in der Länge der Eckzähne zwischen Männchen und Weibchen ? beides Kriterien, für die frühere Studien bereits einen Zusammenhang mit Aggressivität nachgewiesen hatten.

Je kürzer die Hinterbeine der Tiere, desto ausgeprägter waren die Größenunterschiede zwischen den Geschlechtern, zeigte die Auswertung. Das zeige, dass kürzere Beine tatsächlich mit einer erhöhten Aggressivität einhergehen und dass demnach wahrscheinlich auch die Australopithecus-Männchen häufig miteinander kämpften, so Carrier. Allerdings gebe es Ausnahmen von der Regel: Bonobos haben zwar kürzere Beine als Schimpansen, sind aber friedlicher, wohingegen Menschen zwar längere Beine haben, jedoch zu den aggressiveren Arten gehören. In diesen Fällen, so Carriers Erklärung, habe es wohl einen anderen die Beinlänge bestimmenden Faktor gegeben, der für das Überleben wichtiger war als der Vorteil beim Kämpfen.
David Carrier (Universität von Utah, Salt Lake City): Evolution, Bd. 61, S. 596

ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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