Mit dem Speer kam die Gewalt

Die Erfindung des Speers hat die Entwicklung der Gewalt zwischen den Menschen in der Altsteinzeit entscheidend beeinflusst. Das schließt der amerikanische Anthropologe Raymond Kelly aus seinen Untersuchungen. Bei den Streitereien war plötzlich nicht mehr die Größe der Gruppe entscheidend, sondern wer wen zuerst entdeckte. Daraus resultierten Kellys Ansicht nach auch die sozialen Veränderungen, infolge derer der Mensch aus Afrika auswanderte.
Bei sozial lebenden Säugetieren wie Schimpansen kommt es häufig zu Gewaltakten, bei denen sich Mitglieder zweier verschiedener Gruppen töten. Fast immer streiten sich dabei Männchen, die ihre Macht ausbauen wollen, um ein Territorium. Denn je größer das besiedelte Gebiet ist, desto mehr Nahrungsvorräte sind vorhanden und desto größer sind die eigene Überlebenschancen. Streit um Territorien gab es auch beim frühen Menschen der Altsteinzeit. Zuerst verteidigte der Mensch seine Gebiete in der Gruppe. Es galt: Je größer die Gruppe, desto einfacher konnten kleinere Gruppen überfallen werden und desto größer war die eigene Überlebenswahrscheinlichkeit.

Die Erfindung des Wurfspeers vor rund einer Million Jahren und die Entwicklung von Jagdstrategien aus dem Hinterhalt veränderten jedoch die Machtbilanz, erklärt Kelly. Eine große Gruppe garantierte nicht mehr den Sieg. Vielmehr kam es bei gewalttätigen Begegnungen darauf an, wer wen zuerst entdeckte. Diese Entwicklungen erzwangen auch Veränderungen in den sozialen Wechselbeziehungen: Da Aggression nicht mehr länger einen Gewinn an Territorium garantierte, begannen benachbarte Gruppen, Strategien zur Vermeidung von Konflikten anzuwenden. Zudem jagten sie gemeinsam und lernten, ihre Beute zu teilen. Das Vermeiden von Konflikten jedoch hatte zur Folge, dass die Gruppen voneinander wegziehen mussten, um den Wettbewerb bei der Nahrungssuche möglichst gering zu halten. Dies gab wiederum der Migration einen Vorschub: Der Mensch wanderte nach Europa und Asien aus.

Diese von Frieden geprägte Zeit dauerte bis vor ungefähr 14.000 Jahren. Damals begann der Mensch sich niederzulassen und eine geordnete Gesellschaft zu bilden. Diese beinhaltete auch den Fortschritt der militärischen Organisation. Es kam wieder vermehrt zu Gewaltakten zwischen den Gruppen, die fortan jedoch in Kriegen endeten.

Raymond Kelly (Universität von Michigan, Ann Arbor): PNAS (Online-Vorabveröffentlichung, doi:10.1073/pnas.0505955102)
ddp/wissenschaft.de ? Katharina Schöbi


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