Spiegel einer menschlichen Katastrophe

Auch eine Probe der Inka-Mumie des sogenannten Llull Maiden war teil der Studie. Credit: Johan Reinhard

Sie brachten Krankheiten, brutale Unterdrückung und letztlich millionenfachen Tod: Die Europäer lösten nach ihrer Ankunft in der Neuen Welt einen verheerenden Bevölkerungsschwund in der indigenen Bevölkerung aus. Ein Forscherteam berichtet nun, dass sich dies indirekt in Erbgutanalysen der Überreste von rund 100 Menschen aus präkolumbianischer Zeit widerspiegelt: Alle Bevölkerungsgruppen, denen sie entstammten, haben keine Nachkommen hinterlassen – ihre Linien starben nach der Ankunft der Spanier offenbar aus, zeigte der Vergleich mit heutigen indigenen Bevölkerungsgruppen.

Für ihre Studie entlockten die Wissenschaftler vom Centre for Ancient DNA der australischen University of Adelaide (ACAD) insgesamt 92 Mumien und Skeletten erfolgreich verwertbares Erbgut. Es handelte sich um die Überreste von indigenen Ureinwohnern aus unterschiedlichen Regionen Amerikas, die vor der Ankunft der Spanier gelebt haben: Sie deckten die Zeitspanne von vor 500 bis 8600 Jahren ab. Der Fokus der Forscher lag auf der Untersuchung der sogenannten mitochondrialen DNA. Die Eigenschaften dieses speziellen Erbguts lassen Rückschlüsse auf die Abstammungsgeschichte von Menschen über die mütterliche Linie zu. In bestimmten Merkmalen spiegelt sich zudem wider, wann es zu Aufspaltungen von Abstammungslinien gekommen ist.

Alle Abstammungslinien ausgelöscht

Die Vergleiche zwischen den Proben zeigten: Es gab vor der Ankunft der Europäer offenbar viele unterschiedliche genetische Linien. "Diese Auftrennung scheint bereits vor 9000 Jahren stattgefunden zu haben und überraschte uns", berichtet Bastien Llamas vom ACAD. "Die einzige Erklärungsmöglichkeit scheint, dass sich kurz nach der ursprünglichen Besiedlung Amerikas Populationen etablierten, die anschließend geografisch voneinander isoliert blieben", erklärt der Forscher. So entwickelten sich die unterschiedlichen Abstammungslinien, denen die 92 untersuchten Menschen entstammten.

Vergleiche mit dem Erbgut heutiger Menschen indigener Herkunft zeigten dann allerdings: "Überraschenderweise fanden wir keinerlei Spuren dieser Abstammungslinien mehr – es gibt keine Anzeichen für Nachkommen der unterschiedlichen Populationen, zu denen die  fast hundert Personen gehörten", berichtet Llamas. Offenbar gehörten sie alle zu denjenigen Menschengruppen, die später komplett den Folgen der europäischen Eroberung der Neuen Welt zum Opfer fielen, erklären die Wissenschaftler. "Dies entspricht den historischen Berichten über den demographischen Zusammenbruch unmittelbar nachdem die Spanier angekommen waren", so Llamas. Letztlich kam es zu einem sogenannten Flaschenhals-Effekt: Von den einst vielen unterschiedlichen Abstammungslinien überlebten nur wenige, bildeten dann aber die Grundlage der Entwicklung der heutigen Amerikaner mit indigenen Wurzeln.

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