Konstante Farbwahrnehmung als vorteilhafte Illusion

Ob wir die Farbe eines Gegenstands immer gleich sehen oder verschieden, scheint in hohem Maße davon abzuhängen, wie wir gewohnt sind, diesen Gegenstand wahrzunehmen. Diese "empirische Theorie des Sehens" vertreten Beau Lotto und Dale Purves vom Duke University Medical Center in Durham in einer neuen Studie.

Manchmal scheint unsere Wahrnehmung sich einen Schabernack mit uns zu erlauben: Da sehen wir einen Fleck auf weißem Hintergrund, der uns purpurn zu sein scheint. Vor einem ähnlichen purpurnen Hintergrund erhält aber derselbe Fleck etwas Bläuliches. Dies wird in der Kognitiven Neurobiologie mit dem Begriff des "Farb-Kontrastes" bezeichnet. Andererseits erleben wir im Verlauf des Tages verschiedene Lichtverhältnisse, die eigentlich dazu führen müssten, dass die Gegenstände, die wir sehen, jeweils in Abhängigkeit von der aktuellen spektralen Zusammensetzung des reflektierten Lichts für uns eine völlig andere Farbe bekommen. Das tun sie aber verhältnismäßig selten. Wir erleben merkwürdigerweise die Welt am Spätnachmittag nicht ganz anders als die Welt in der Mittagssonne. Dieses Phänomen ist in der Wissenschaft unter dem Begriff "Farb-Konstanz" bekannt.

Für Lotto und Purves sind Farb-Kontrast und Farb-Konstanz letztlich Illusionen. Sie greifen für ihre Theorie eine Annahme auf, die in der Kognitiven Neurobiologie immer mal wieder, allerdings bisher nie mit wirklichem Erfolg erörtert wurde. Es handelt sich um die Annahme, dass das visuelle System Farben nicht (oder oft nicht) in der Weise wahrnimmt, wie das Licht das Auge erreicht, sondern so, wie der Reiz, der dem Auge dargeboten wird, schon in der Vergangenheit reflektiert und beleuchtet worden ist.

Dabei ist mit "Vergangenheit" nicht die persönliche Vergangenheit eines Menschen gemeint, sondern eine jahrtausendealte ererbte Vergangenheit, in der der Mensch immer wieder durch Versuch und Irrtum die visuellen Eindrücke verarbeitet hat. Er hat - angeregt durch visuelle Reize - ein neuronales Netzwerk entwickelt, das auf Grund seiner Erfahrungen zwei "objektiv" gleich aussehende Gegenstände verschieden wahrnehmen und zwei "objektiv" verschieden aussehende Gegenstände gleich wahrnehmen kann.

Eine empirische Theorie des Sehens, da sind sich die Forscher sicher, könnte zum einen eine sehr produktive Annäherung an das Verständnis des Gehirns sein, zum anderen könnte sie für die Entwicklung von Computern, die auf den Erkenntnissen über die Strategien des Gehirns basieren, nützlich sein. Einige Experimente von Lotto und Purves können Sie im Internet selbst mitmachen. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 7.11.00)
Doris Marszk


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