Sprache: Laute sind kein Zufall

Wie die Laute für bestimmte Begriffe und Konzepte in verschiedenen Sprachen klingen, ist nicht immer Zufall (Grafik: Qvasimodo/iStoock)

Warum nennen wir einen Ball in unserer Sprache "Ball" und einen Stein "Stein"? Sprachwissenschaftler sind bisher davon ausgegangen, dass es reiner Zufall ist, mit welchen Lauten eine Sprache bestimmte Objekte oder Ereignisse beschreibt. Doch jetzt müssen die Lehrbücher der Sprachwissenschaft offenbar umgeschrieben werden. Denn eine neue Analyse von Wörtern in 4000 Sprachen spricht dafür, dass die Zuordnung von Laut und Bedeutung keineswegs zufällig ist.

"Für ähnliche Konzepte werden in verschiedenen Sprachen oft Abfolgen ganz unterschiedlicher Laute genutzt", erklären Damián Blasi vom Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften in Leipzig und seine Kollegen. So lautet das Wort für Vogel im Russischen "ptitsa" auf Swahili "ndege" und auf Japanisch "tori" – hier lassen sich kaum Gemeinsamkeiten feststellen. Unter anderem deshalb gingen Linguisten bisher davon aus, dass die Zuordnung bestimmter Laute zu einer Bedeutung in allen Sprachen zufällig ist. Allerdings gibt es dafür einige Ausnahmen: So kommt beispielsweise im Wort für "Mutter" in sehr vielen Sprachen ein "m" vor. Zudem scheinen bestimmte Klänge durchaus lautmalerische Assoziationen zu wecken. Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Bouba-Kiki Effekt: Menschen ordnen dem Bild eines Elefanten eher den Fantasiebegriff "Bouba" zu, den Begriff "Kiki" dagegen einem kleinen Vogel. Kaum jemand würde die Wörter umgekehrt zuordnen. Der Grund: Generell werden die Vokale a und o eher mit großen Dingen in Verbindung gebracht, und e und i mit kleinen. Doch über diese Beispiele hinaus schien es nur wenige Zusammenhänge von Laut und Bedeutung zu geben, die über Sprachfamilien hinweg reichen. "Bislang gingen wir davon aus, dass sich derartige Beziehungen zwischen Lauten und Bedeutungen nur sehr selten finden", sagt Koautor Harald Hammarström vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.

Ob diese Annahme stimmt, haben Blasi und seine Kollegen nun in der bisher umfassendsten Studie zu diesem Thema überprüft. Sie werteten dafür die Laute in gut 4000 verschiedenen Sprachen aus allen Kontinenten aus. Diese Auswahl repräsentiert zwei Drittel aller bekannten Sprachen und 85 Prozent der sprachlichen Verwandtschaftsgruppen, wie die Forscher erklären. Im Rahmen ihrer Studie prüften sie, ob 40 grundlegende Begriffe in diesen Sprachen häufiger oder seltener mit bestimmten Lauten belegt werden, als es dem Zufall entsprechen würde. "Bisherige Untersuchungen beschränkten sich meist auf einzelne Zusammenhänge oder auf eine begrenzte Stichprobe von Sprachen", erklärt Blasi. "Wir konnten dank der großen Datenmenge, die wir analysiert haben, auch erfassen, wie sich diese Beziehungen räumlich verteilen und mit der Zeit verändern."

Auffällige Häufungen

Das überraschende Ergebnis: Entgegen der bisherigen Annahmen scheint die Zuordnung von Laut und Bedeutung doch nicht ganz zufällig zu sein – im Gegenteil. Für bestimmte Begriffe und Konzepte werden in den meisten Sprachen einige Laute häufiger benutzt als andere - und diese Laute stimmen selbst bei vollkommen verschiedenen Sprachen auffällig oft überein. "Gerade in den Begriffen für Körperteile tauchen manche Laute in besonders vielen Sprachen auf, andere in besonders wenigen", sagt Blasi. So ist die Nase in sehr vielen Sprachen mit einem "N" oder "Neh"-Laut verknüpft oder mit einem "u". Ein "a" wie im Deutschen ist dagegen eher die Ausnahme. In Wörtern für das Knie kommen überproportional häufig die Buchstaben o, u, p, k und q vor. Der Ausdruck für die Zunge enthält dagegen in vielen Sprachen ein "l". Ebenfalls auffällig: Der Begriff für "Sand" enthält oft einen "s"-Laut und ein "a", "Stein" dagegen einen "t"-Laut. Bei insgesamt 30 der 40 untersuchten Begriffe fanden die Forscher solche sprachübergreifenden Ähnlichkeiten

"Unserer Analyse zufolge werden bestimmte Laute bei einem großen Teil aller Begriffe über Kontinente und Sprachfamilien hinweg bevorzugt oder vermieden", resümiert Blasi. Und das gelte für Menschen, die kulturell, historisch und geografisch sehr verschieden seien. "Das Ergebnis ist gerade in Anbetracht der enormen Variationsmöglichkeiten in den weltweiten Sprachen erstaunlich und verändert unser Verständnis der Randbedingungen, unter denen Menschen kommunizieren." Warum Menschen weltweit bestimmte Laute für bestimmte Konzepte bevorzugen, ist bisher nicht klar. Die Ähnlichkeiten lassen sich nach Angaben der Forscher weder durch Verwandtschaften zwischen den Sprachen erklären, noch durch den Einfluss einer hypothetischen Ursprache, der sich möglicherweise noch in vielen heutigen Sprachen bemerkbar macht. "Vielleicht hat es etwas mit unserem Gehirn zu tun, mit unserer Art des Interagierens oder den Signalen, die wir nutzen, wenn wir sprechen lernen", spekuliert Seniorautor Morten Christiansen von der Cornell University in Ithaca. Die Hintergründe müsse nun künftige Forschung klären.

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