Migration in vier großen Wellen

Besiedlungsdichte durch den Homo sapiens vor 80.000 Jahren (Grafik: Tobias Friedrich)

Der Homo sapiens ist einer der erfolgreichsten Auswanderer der Geschichte. Denn ihm gelang es, von Afrika aus nahezu alle Kontinente der Erde zu besiedeln. Doch wann genau diese "Out-of-Africa"-Migration stattfand und in wie vielen Schüben, war bisher umstritten. Jetzt schafft die bisher umfangreichste Analyse von Klima und Menschheitsgeschichte mehr Klarheit. Sie zeigt: Unsere Vorfahren wanderten in vier großen Wellen aus Afrika aus. Den Takt dieser Migrationswellen gaben Klimawechsel vor, die durch das Taumeln der Erdachse ausgelöst wurden.

Vor rund 200.000 bis 150.000 Jahren entwickelte sich in Afrika der Homo sapiens, der anatomisch moderne Mensch – so viel scheint klar. Jahrtausende lang lebten seine Nachfahren in den Wäldern und Savannen Afrikas, bis sich plötzlich etwas änderte: Vor rund 120.000 Jahren begannen unsere Vorfahren, aus ihrer Heimat auszuwandern. In der Folge besiedelte der Homo sapiens von Ostafrika aus zuerst die Levante und den Süden der Arabischen Halbinsel. Vor rund 80.000 Jahren könnte er Asien erreicht haben und von dort aus Australien und Ozeanien. Eine zweite Migrationsroute brachte den Homo sapiens vor rund 50.000 Jahren nach Europa, wo er wahrscheinlich auf die letzten Reste der Neandertaler-Populationen traf. Zu guter Letzt schließlich wurde auch der amerikanische Kontinent über die Bering-Landbrücke besiedelt. Soweit das grobe Szenario dieser Erfolgsgeschichte unserer Vorfahren. Doch wie genau diese "Out-of-Africa"-Migration ablief, ist noch immer heiß umstritten. Uneinigkeit herrscht darüber, in wie vielen Wellen oder Schüben der Homo sapiens Afrika verließ, aber auch, auf welchen Wegen und wann genau. Das Problem dabei: Fossilien, archäologische Funde und verlässliche Klimadaten aus der frühen Ära des modernen Menschen sind rar, so dass es schwer ist, sein Timing und seine Routen zu rekonstruieren.

Deutlich mehr Licht in die bewegte Geschichte unserer Vorfahren bringen nun Axel Timmermann und Tobias Friedrich von der University of Hawaii in Honolulu. Denn sie haben in der bisher umfassendsten Studie zu diesem Thema ein Modell entwickelt, das die Auswirkungen des vergangenen Klimas auf Vegetation, Meeresspiegel und die Lebensbedingungen des frühen Menschen für die letzten 125.000 Jahre simuliert. Ihr Modell erlaubt es einerseits, die Zeiten einzugrenzen, in denen sich dem Homo sapiens grüne Korridore durch die Wüsten Nordafrikas und Arabiens auf andere Kontinente eröffneten. Andererseits aber kalkulieren die Forscher anhand ihrer Simulation sogar, wie viele unserer Vorfahren diesen Routen folgten und zu den verschiedenen Zeiten in den neu eroberten Gebieten lebten.

Vier große Wellen

Das erste wichtige Ergebnis: Unsere Vorfahren verließen Afrika in vier großen Wellen. Die erste wurde vor 106.000 bis 94.000 Jahren ausgelöst, als ein günstiges Klima einen grünen Korridor durch den Süden der Arabischen Halbinsel öffnete. Eine zweite Migrationswelle folgte vor 89.000 bis 73.000 Jahren, als der Homo sapiens sowohl über den Nahen Osten als auch durch Südarabien nach Asien und Europa vordrang. Dies aber bedeutet, dass die ersten Vertreter des Homo sapiens sehr viel früher in Europa angekommen sein könnten als bisher angenommen. "Unsere Modellsimulation spricht für eine fast zeitgleiche Ankunft des anatomisch modernen Menschen in Südchina und Europa vor rund 90.000 bis 80.000 Jahren", konstatieren Timmermann und Friedrich. Das allerdings widerspricht archäologischen Funden, nach denen unsere Vorfahren sich erst vor rund 45.000 Jahren in Europa etablierten. Eine mögliche Erklärung für diesen Widerspruch liefert die Simulation der Forscher gleich mit: Ihren Berechnungen nach erreichte die Dichte der allerersten afrikanischen Einwanderer in Europa maximal fünf Menschen pro hundert Quadratkilometer. "Diese kleine Population könnte damals komplett von den noch dominierenden Neandertalern assimiliert worden sein", vermuten die Forscher. Das würde erklären, warum von diesen allerersten "modernen" Europäern keine Spuren gefunden wurden.

Nach diesen ersten beiden Wellen der Auswanderung gab es erst einmal eine Pause. Denn ein trockeneres Klima ließ die Wüsten in Nordafrika und auf der Arabischen Halbinsel wieder wachsen und unterbrach damit die Hauptrouten aus Afrika heraus. Erst vor rund 59.000 Jahren folgte die dritte große Migrationswelle. In dieser bis vor 47.000 Jahren anhaltenden Phase verbreitete sich der Homo sapiens in Europa, dem Mittleren Osten, Indien und Indonesien. "Diese Auswanderungswelle hinterließ wahrscheinlich die meisten genetischen Spuren im Erbgut der heutigen Menschen außerhalb Afrikas", berichten die Forscher. Diese Migration war es auch, die in Europa endgültig die Ära des Homo sapiens und das Ende des Neandertalers einläutete. Die vierte Welle der Migration schließlich ereignete sich vor 45.000 bis vor 29.000 Jahren. "Am Ende dieser großen Reise des Homo sapiens steht die Besiedelung Amerikas über die Bering-Landbrücke vor 14.000 bis 10.00 Jahren", schließen die Forscher.

Ausbreitung des Homo sapiens aus Afrika (Video: Tobias Friedrich)

Erdachse als Taktgeber

Doch ihre Studie hat noch ein zweites wichtiges Ergebnis erbracht: Sie enthüllt, welche Klimaeffekte hinter dieser An- und Abschwellenden Migration aus Afrika standen. Die Haupttriebkraft war demnach der planetare Klimaeffekt der Präzession. Sie beschreibt die kreisförmige Bewegung, die die Erdachse im Laufe von rund 21.000 Jahren gegenüber dem Sternenhintergrund vollführt. Als Folge verändert sich auch die Neigung der Erde zur Sonne in diesem regelmäßigen Zyklus – die Erde taumelt gewissermaßen. Das aber hat klimatische Folgen: "Alle 21.00 Jahre sorgt eine verringerte Präzession und eine höhere Sonneneinstrahlung in den höheren nördlichen Breiten für verstärkten Regen in Nordafrika, der Levante und der Arabischen Halbinsel", erklären Timmermann und Friedrich. Und genau diese feuchten Phasen waren es, die unseren Vorfahren grüne Korridore aus Afrika eröffneten. Deshalb ereigneten sich die vier großen Migrationswellen auch in etwa im Takt der taumelnden Erdachse.

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