Der Ursprung der Rechtshändigkeit

Etwa 90 Prozent der Menschen sind heute Rechtshänder (Grafik: Blueringmedia/iStock)

Die ausgeprägte Rechtshändigkeit ist typisch Mensch. Bei kaum einem anderen Lebewesen ist die Händigkeit so klar verteilt wie bei uns. Der Ursprung dieser Präferenz könnte rund zwei Millionen Jahre weit zurückreichen, wie nun Untersuchungen an Zähnen eines Homo habilis-Fossils zeigen. Kratzspuren an den Kauwerkzeugen legen nahe: Der Frühmensch hielt Steinwerkzeuge in der rechten Hand und schnitt damit Nahrung vor seinem Mund ab. Die Rechtshändigkeit deutet darauf hin, dass auch beim Homo habilis die Aufgaben der beiden Gehirnhälften bereits asymmetrisch aufgeteilt waren.

Rechtshänder sind bei uns klar in der Überzahl: Rund 90 Prozent aller heute lebenden Menschen nutzen zum Schreiben, Essen oder Schneiden die rechte Hand. Mit dieser extremen Bevorzugung von einer Seite steht der Mensch im Tierreich relativ alleine dar. So ist die Händigkeit bei den meisten Säugetieren eher individuell – und selbst bei unseren engsten Verwandten, den Menschenaffen, findet sich ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Rechts- und Linkshändern. Die charakteristische Präferenz für die rechte Seite zeichnete bereits frühe Menschenarten aus. Untersuchungen belegen, dass schon die vor rund 40.000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler überwiegend Rechtshänder waren. Doch sie waren womöglich nicht die ersten der Gattung Homo, die im Alltag die rechte Hand bevorzugten. Wissenschaftler um David Frayer von der University of Kansas in Lawrence haben bei einer Untersuchung eines Homo habilis-Skeletts nun ebenfalls Hinweise auf Rechtshändigkeit gefunden. Ihre Entdeckung liefert den bislang ältesten Beleg für eine mögliche Handpräferenz – der Ursprung der menschlichen Rechtshändigkeit könnte damit knapp zwei Millionen Jahre zurückliegen.

Bei den von den Forschern untersuchten Knochen handelt es sich um einen weitestgehend intakten Oberkiefer, der 1995 in der Olduvai-Schlucht im Norden von Tansania entdeckt wurde. Auffällige Kratzspuren an den Frontzähnen des 1,8 Millionen Jahre alten Fossils brachten Frayer und seine Kollegen auf die entscheidende Fährte. Sie waren nicht nur ein augenscheinlicher Beweis dafür, dass der Frühmensch zu Lebzeiten mit seinem Kauwerkzeug recht rüde umgegangen war. Der Winkel und die Richtung der Spuren hielten noch weitere Informationen bereit. Denn die meisten dieser Linien verliefen von links oben nach rechts unten.

Zeichen für Sprachbegabung?

Nachdem sie die Kratzspuren mit dem Mikroskop untersucht hatten, kamen die Forscher zu dem Schluss: Die Spuren müssen entstanden sein, als der Homo habilis mithilfe eines Steinwerkzeugs versuchte, Nahrung zu zerschneiden, die er zwischen den Zähnen festhielt. Während er mit der einen Hand säbelte, zog er mit der anderen vermutlich zusätzlich an dem Essen. "Das Werkzeug hat dabei immer wieder den Kiefer berührt und permanente Spuren an den Zähnen hinterlassen", sagt Frayer. Der Verlauf dieser Male von links nach rechts belegt den Forschern zufolge deutlich, dass die rechte Hand zum Schneiden benutzt wurde – und der Frühmensch demnach Rechtshänder war. Das Team liefert damit den ersten Beleg für einen Prä-Neandertaler mit ausgeprägter Händigkeit.

Händigkeit ist ein Zeichen für die sogenannte Lateralisation des Gehirns – die Arbeitsteilung von linker und rechter Gehirnhälfte. Dabei übernimmt beispielsweise der motorische Cortex einer Hirnhälfte die Steuerung der jeweils gegenüberliegenden Körperhälfte, andere Funktionen kommen nur in einer Hirnhälfte vor. So liegt das Sprachzentrum des heutigen Menschen meistens in der linken Gehirnhälfte. Die Rechtshändigkeit des Homo habilis könnte demnach auch ein Beleg dafür sein, dass diese Art schon die Fähigkeit zur Sprache hatte. "Händigkeit und Sprache werden zwar von verschiedenen genetischen Systemen kontrolliert, dennoch gibt es da eine Verbindung", sagt Frayer. "Denn beide Funktionen sind in der linken Hälfte des Gehirns angelegt." In Zukunft wollen die Forscher nach weiteren verräterischen Kratzspuren auf den Zähnen früher Homo-Fossilien suchen, um die These der Rechtshändigkeit und möglichen Sprachbegabung unserer frühesten Vorfahren weiter zu untermauern.

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