"Aspirin & Antibiotika" beim Neandertaler?

Der kranke Neandertaler, dem dieser Kiefer gehörte, hatte Pappel-Material zu sich genommen und möglicherweise gezielt Speisen mit Schimmel. (Foto: Paleoanthropology Group MNCN-CSIC)

Wir greifen heute zu Tabletten – doch vermutlich linderten sogar schon die Neandertaler Schmerzen mit Salizylsäure und Entzündungen mit antibiotischen Substanzen. Das legen die Ergebnisse einer Analyse von fossiler DNA aus dem Zahnbelag der Urmenschen nahe. Daneben gab die Studie weitere interessante Einblicke in die Ernährungsweise der Neandertaler: Manche Gruppen lebten offenbar vorwiegend vegetarisch.

Keulenschwingende Unholde – diese Vorstellung prägte lange das Bild vom Neandertaler. Doch in den letzten Jahren machten Studien immer deutlicher, dass sie dem modernen Menschen durchaus ähnlicher waren als vermutet. Mittlerweile ist auch klar: Die Neandertaler leben in uns weiter. Einige haben sich mit den modernen Menschen vermischt, als diese aus Afrika nach Europa einwanderten. Auch kulturell hatten die Neandertaler vermutlich einiges zu bieten: Es gibt beispielsweise Hinweise darauf, dass sie ihre Toten bestatteten, sich schmückten und geschickte Werkzeugmacher waren. Die aktuelle Studie legt nun zudem nahe, dass sie sogar die Heilkraft bestimmter Substanzen gezielt nutzten.

Fleisch im Norden, Vegi-Kost im Süden

Die Forscher um Laura Weyrich von der University of Adelaide haben im Rahmen ihrer Studie Plaque-Proben aus fossilen Zähnen von Neandertalern analysiert, von denen zwei vom Fundort Spy in Belgien und zwei aus der Höhle El Sidrón in Spanien stammten. Sie besitzen ein Alter von 42.000 bis etwa 50.000 Jahren. Bei den Zahnbelägen handelt es sich damit um die bisher ältesten, die jemals genetisch analysiert wurden. "Dental Plaque fängt Mikroorganismen sowie Teilchen von Lebensmitteln ein, deren DNA dann für Tausende von Jahren erhalten bleiben kann", erklärt Weyrich. "Die genetische Analyse dieser DNA  eröffnet damit ein einzigartiges Fenster in die Zeit der Neandertaler und offenbart neue Details darüber, was sie aßen, wie es um ihre Gesundheit stand und wie sie sich verhielten", so die Wissenschaftlerin.

Im Fall der Funde aus der Höhle Spy im heutigen Belgien stellten die Forscher fest: Die dortigen Neandertaler hatten vor allem Fleisch von Wollnashörnern und Wildschafen verspeist sowie Pilze gegessen. Bei den Vertretern aus der spanischen El Sidrón Höhle fanden sie hingegen erstaunlicherweise keine Spuren von Fleischkonsum. Offenbar ernährten sich die Neandertaler hier weitgehend vegetarisch: Pinienkerne, Moos, Pilze und Baumrinde standen beispielsweise auf dem Speiseplan. "Es zeigte sich somit, dass es zwischen den beiden Gruppen offenbar deutliche Unterschiede im Lebensstil gab", sagt Weyrich.

Salizylsäure und antibiotische Substanzen

Eine besonders überraschendste Feststellung machten die Forscher bei den Überresten eines Neandertalers aus El Sidrón. Den Untersuchungen zufolge litt er an einem Zahnabszess, der auf dem Kieferknochen sichtbar war. Der Zahnbelag zeigte zudem, dass ihn auch Darmparasiten plagten, die akuten Durchfall verursachten. Kurzum, diesem Neandertaler ging es nicht so gut – aber offenbar versuchte er, sich Linderung zu verschaffen: DNA-Reste in seinem Zahnbelag dokumentierten, dass er Teile von Pappeln zu sich genommen hatte. Von dieser Pflanze ist bekannt, dass sie natürlicherweise die schmerzstillende Substanz Salizylsäure (den Wirkstoff von Aspirin) enthält. "Darüber hinaus fanden wir auch Spuren von einem antibiotisch wirkenden Schimmelpilz, die wir bei den anderen Proben nicht festgestellt haben", berichtet Weyrich.

"Möglicherweise besaßen Neandertaler demnach Kenntnis von heilenden Substanzen und ihren entzündungshemmenden beziehungsweise schmerzlindernden Eigenschaften", resümiert die Forscherin. Neben der Nutzung von Salizylsäure wäre demnach auch der Einsatz von "Antibiotika" schon mehr als 40.000 Jahre alt. "Erneut scheint sich in unseren Ergebnissen widerzuspiegeln: Unsere archaischen Verwandten waren nicht so simpel, wie lange gedacht", so Weyrich.

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