Prähistorische Frauenpower

3D-Modell des Armknochens einer prähistorischen Bäuerin (Grafik: Fred Lewsey/ Cambridge University)

Von wegen schwaches Geschlecht: Die Frauen der prähistorischen europäischen Bauern hatten mehr Kraft in ihren Armen als die weiblichen Ruderchampions von heute. Das belegen Analysen der Armknochen von Frauen von der Jungsteinzeit bis zum Mittelalter. Der Grund für die enorme Muskelkraft, vor allem der frühen Bäuerinnen, war wahrscheinlich ihre harte Arbeit: Das Pflügen, Pflanzen und Ernten war damals reine Handarbeit. Zudem mahlten sie bis zu fünf Stunden lang täglich das Getreide mit der Hand.

Die Knochen sind nicht nur ein passives Stützgerüst unseres Körpers, sie verändern sich auch dynamisch. Ständig wird neues Knochenmaterial gebildet und altes abgebaut. "Es wird oft vergessen, dass der Knochen ein lebendes Gewebe ist", sagt Erstautorin Alison Macintosh von der University of Cambridge. "Physische Belastung und Muskelaktivität üben Kräfte auf den Knochen aus – und der Knochen reagiert darauf, indem er seine Form, Biegung, Dicke und Dichte im Laufe der Zeit so ändert, dass er sich an die wiederholten Belastungen anpasst." Regelmäßiges Training stärkt daher nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen. Bewegungsmangel hingegen führt dazu, dass nach und nach immer mehr Knochenmaterial abgebaut wird. Betrachtet man die Knochenstruktur eines Menschen, kann man daher Rückschlüsse darauf ziehen, welche körperlichen Tätigkeiten er häufig ausführt und wie stark er ist.

Einblick in Lebensweise früher Bäuerinnen

Diese Dynamik des Knochens haben nun Macintosh und ihre Kollegen genutzt, um Einblicke in das Leben und Arbeiten längst verstorbener Frauen zu bekommen. Für ihre Studie analysierten sie die Oberarm- und Oberschenkelknochen von weiblichen Toten, die aus der Zeit von 5300 v.Chr. bis 850 n.Chr. stammten. Diese Phase von der Jungsteinzeit bis ins Mittelalter war eine Ära, in der die Landwirtschaft das Leben der meisten Menschen prägte. Die Knochenstärke dieser frühen Bäuerinnen verglichen die Forscher mit der von heute lebenden weiblichen Ruderchampions – und damit von Sportlerinnen, die durch ihr regelmäßiges Training eine besonders hohe Armkraft entwickelt haben. "Dies ist die erste Studie, die prähistorische Frauenknochen mit denen von heute lebenden Frauen vergleicht", sagt Macintosh. "Durch diesen Vergleich können wir sehen, wie intensiv, variabel und anstrengend ihre Lebensweise war und so die versteckte Geschichte der weiblichen Arbeit über Tausende von Jahren hinweg ergründen."

Die Auswertungen ergaben: Die prähistorischen Bäuerinnen leisteten offensichtlich intensive körperliche Arbeit – und entwickelten dabei vor allem in den Armen enorme Kraft. Die Frauen der Jungsteinzeit hatten zwar ähnlich kräftige Beinknochen wie die heutigen Ruderinnen, aber ihre Arme waren deutlich stärker, wie die Forscher berichten: Im Schnitt lag ihre Knochenstärke um 11 bis 16 Prozent höher als bei den Leistungssportlerinnen und sogar um 30 Prozent höher als bei typischen, nur mäßig sportlichen jungen Frauen der Gegenwart. In der Bronzezeit nahm die ungleiche Verteilung der Kraft zwischen Beinen und Armen sogar noch zu: Frauen aus der Zeit vor 4300 bis 3500 Jahren hatten 9 bis 13 Prozent stärkere Armknochen als die Ruderinnen, aber 12 Prozent schwächere Beinknochen.

Schwere Handarbeit

"Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass die mitteleuropäischen Frauen in der Jungsteinzeit und Bronzezeit intensive und wiederholte körperliche Arbeit verrichteten", konstatieren die Wissenschaftler. Der Knochenstruktur dieser Frauen nach waren dies Tätigkeiten, die vor allem den Oberkörper und die Arme belasteten – und dies auf vielfache Weise. "Vor der Erfindung des Pfluges umfasste die Landwirtschaft viel Handarbeit wie das Pflanzen, Pflügen und Ernten der Feldfrüchte", erklärt Macintosh. "Die Bäuerinnen mussten wahrscheinlich auch Wasser und Futter für ihre Nutztiere herbeischaffen, Milch und Fleisch verarbeiten und Fell und Wolle zu Kleidung machen."

Besonders viel Kraft und Ausdauer kostete damals wahrscheinlich das Mahlen des Getreides. "Jahrtausendelang wurde das Korn zwischen zwei großen Mahlsteinen mit der Hand zerrieben", so Macintosh. Weil diese Technik zwar kraftraubend, aber ineffektiv ist, dauert es entsprechend lange, bis genügend Mehl produziert war. "Bei den wenigen Naturvölkern, die diese Mahltechnik heute noch nutzen, sind die Frauen bis zu fünf Stunden täglich mit dem Getreidemahlen beschäftigt", erklärt die Forscherin. Ähnlich könnte es auch bei den Bäuerinnen der europäischen Jungsteinzeit und Bronzezeit gewesen sein. Erst als in der späten Eisenzeit und im frühen Mittelalter Pflüge und Mühlen erfunden wurden, nahm die Belastung für die Frauen ab, wie sich auch an den Knochen ablesen ließ. Die Knochenstärke der Proben aus dieser Zeit entsprach in etwa der heute lebender, normaler Frauen.

"Unsere Ergebnisse demonstrieren, dass die harte körperliche Arbeit der Frauen über Jahrtausende hinweg eine entscheidende Triebkraft der frühen Bauerngemeinschaften waren", sagt Macintoshs Kollege Jay Stock.

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