Urmenschen: Hungern als Ausnahme

Als Jäger und Sammler litten unsere Vorfahren nur selten unter Hungersnöten (thinkstock)

Periodisches Fasten gilt als ein Rezept für erfolgreiches Abnehmen. Einschlägige Diätratgeber untermauern dies mit dem Argument, dass schließlich auch unsere als Jäger und Sammler lebenden Vorfahren oft hungern mussten. Zeitweilig nichts zu essen sei daher quasi eine Rückkehr zu unseren biologischen Wurzeln. Das allerdings entlarven britische Forscher jetzt als Irrglauben. Denn wie sie nachweisen, gab es bei Jägern und Sammlern sogar weniger Hungernöte als bei frühen Bauern. Periodisches Fasten war daher für sie genauso wenig normal wie für uns heute.

Unstrittig ist, dass unsere Vorfahren Millionen Jahre lang als Jäger und Sammler lebten - und damit quasi von der Hand in den Mund. Eine Vorratshaltung, wie sesshafte Bauern sie betrieben, war für die nomadischen Wanderer nicht sinnvoll und machbar. Stattdessen aßen sie sich voll, wenn Überfluss herrschte und zogen weiter, wenn Nahrungsmangel drohte. Der gängigen Annahme nach war es daher für unsere Vorfahren ganz normal, längere Zeit auch mal ohne Nahrung oder nur mit sehr wenig auskommen zu müssen.

Der Theorie der sogenannten sparsamen Gene nach führte dies im Laufe der Zeit dazu, dass sich unsere Vorfahren an solche Zeiten des Hungers anpassten. "Einige Menschen konnten Kalorien effektiver als Fett einlagern und überlebten daher dank dieser Reserven besser in Zeiten der Not", erklären Julia Berbesque von der University of Roehampton in London und ihre Kollegen. Genetisch sind wir dieser Theorie nach auf den Wechsel von Überfluss und Hunger optimiert. Leben wir in ständigen Überfluss, rächt sich dies und Übergewicht und Diabetes sind die Folge. Soweit die umstrittene Theorie.

Das Problem dabei: Ob unsere Vorfahren tatsächlich regelmäßig Hunger litten, lässt sich heute nur noch schwer nachweisen. Studien, die die Lebensweise heutiger Jäger und Sammler-Völker untersuchten, kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen, wie Berbesque und ihre Kollegen erklären. Zudem bezogen sie meist Nomadenkulturen in den Polargebieten mit ein - und damit Völker in einem extrem kargen Lebensraum, der nicht dem typischen Habitat unserer Vorfahren entsprach. Um diese Diskrepanzen auszugleichen, haben die britischen Wissenschaftler erstmals gezielt den Ernährungszustand von 36 heutigen Jäger-und-Sammler-Völkern mit dem ursprünglicher, nicht industrialisierter Bauernkulturen verglichen - und dies getrennt nach warmen und kalten Lebensräumen.

Weniger Hunger als frühe Bauern

Das überraschende Ergebnis: Jäger und Sammler leiden nicht häufiger, sondern sogar deutlich seltener unter Nahrungsmangel - zumindest dann, wenn sie in gemäßigtem oder warmem Klima leben. Hungersnöte sind bei ihnen sowohl seltener als auch kürzer. "In guten Jahren können die Bauern zwar weitaus mehr Kalorien pro Fläche Land erwirtschaften als die Jäger und Sammler", so die Forscher. Dafür aber können diese wegziehen, wenn Dürre oder Überschwemmungen die Nahrung knapp werden lassen. Bauern müssen eine Missernte dagegen aussitzen.

Das Bild unserer meist hungrig durch die Savanne streifenden Vorfahren zeigt demnach wohl eher eine Ausnahme denn die Regel. "Unsere Ergebnisse widerlegen einige Annahmen zur Evolution unserer Ernährung und auch zur Ursache des epidemisch grassierenden Übergewichts", konstatieren Berbesque und ihre Kollegen. Hunger erlebten die Sammler-Kulturen demnach vermutlich erst dann regelmäßig, als die Bauern begannen, sie aus den fruchtbaren Gebieten zu verdrängen. Sie mussten sich dann Nischen suchen, in denen es keine Konkurrenz gab - wie beispielsweise die Arktis oder die Wüsten. Periodisches Fasten kann daher vermutlich nicht schaden, es als Rückkehr zu unseren Wurzeln zu verkaufen, ist aber eher ein Irrglaube.

 

 

 

 

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