Besiedlung Amerikas: Lange Pause auf der Landbrücke?

Beringia (grün) und die heutige Küstenlinie (gepunktet) Credit: Wlliam Manley, Institute of Arctic and Alpine Research, University of Colorado.

Die Vorfahren der ersten Amerikaner sind während der Eiszeit aus Asien über die damals trockene Beringia-Landbrücke in die Neue Welt gekommen – das gilt als gesichert. Doch US-Forschern zufolge war Beringia offenbar kein simples Durchzugsgebiet, sondern eine Heimat: Es mehren sich Hinweise darauf, dass die Vorfahren der ersten Amerikaner in Beringia 10.000 Jahre lang eine isolierte Population bildeten, bevor sie in die Neue Welt einwanderten. Die Forscher belegen diese Theorie des „Beringia-Stillstands" im Wissenschaftsmagazin „Science", indem sie Ergebnisse von genetischen Studien und Untersuchungen der Sedimente des versunkenen Beringias zusammenführen. Sie deuten darauf hin, dass die Urahnen der heutigen Indianer einst für Jahrtausende genetisch isoliert gewesen waren und dass der wahrscheinliche Ort dieser „Isolations-Haft" Beringia war.

Die indianischen Bevölkerungsgruppen Nord- und Südamerikas haben Vorfahren aus Asien, das geht aus genetischen Vergleichen von Völkern dieser Kontinente klar hervor. Diese Untersuchungen ergaben aber noch weitere Detail-Hinweise: Anhand bestimmter Mutationen im Erbgut konnten Wissenschaftler Rückschlüsse darauf ziehen, wann sich die Ahnen der ersten Amerikaner von Bevölkerungsgruppen Asiens abspalteten. Dies erfolgte demnach bereits vor etwa 25.0000 Jahren. Doch Spuren im Erbgut der unterschiedlichen indianischen Bevölkerungsgruppen weisen darauf hin, dass sie sich erst vor rund 15.000 Jahren auffächerten – also erst dann die Besiedlung der beiden amerikanischen Kontinente einsetzte. Demnach bleibt eine Lücke von etwa 10.000 Jahren, in der die Ur-Population offenbar isoliert existiert hatte – doch wo und warum? Beringia wurde bereits als möglicher Ort genannt, dieser Vorschlag fand aber bisher wenig Beachtung. John Hoffecke von der University of Colorado in Boulder und seine Kollegen machen die Theorie des „Beringia-Stillstands" nun jedoch zum großen Thema.

Bisher erschien der „Beringia-Stillstand" als wenig plausibel: Die urzeitliche Landbrücke galt als frostige und lebensfeindliche Einöde, die Menschen kaum zum Verweilen einlud. Doch den Forschern zufolge zeigen neue Forschungsergebnisse, dass dies nicht der Fall war: In dem heute versunkenen Gebiet zwischen Sibirien und Alaska gab es Gebiete mit Buschlandschaften und sogar Baumbestand. Darauf weisen die Analysen von Sedimentbohrungen hin, die in den letzten Jahren gemacht wurden. In ihnen hatten Wissenschaftler Pollen von Sträuchern und Bäumen wie Birken und Weiden gefunden und auch die Überreste von Insekten, die darauf hindeuten, dass hier ein vergleichsweise mildes Klima herrschte. Möglich war dies durch warme Meeresströmungen, die Teilen Beringias auch während des Maximums der Eiszeit vergleichsweise freundliche Bedingungen bescherten, erklären die Forscher. Die Beringia-Landbrücke war auch keineswegs ein schmaler Landstreifen, wie der Name suggeriert, sondern ein weites Land: Etwa 1.600 Kilometer breit und fast 5.000 Kilometer lang von Ost nach West.

Teile Beringias boten Feuerholz und Jagdgründe

An manchen Stellen fanden Menschen hier demnach Feuer- und Bauholz, legen die Ergebnisse nahe. Nahrung gab es vermutlich auch genügend: Herden von Bisons, Mammuts und einigen anderen Tierarten des Nordens könnten Teile Beringias zu einem guten Jagdgebiet gemacht haben. Den Forschern zufolge zeichnet sich unterm Strich ein plausibles Szenario ab: Vor etwa 25.000 Jahren wanderten Menschen aus Sibirien nach Beringia ein und bildeten dort eine Population, die vom Rest der asiatischen Bevölkerung isoliert blieb. Der Weg nach Nordamerika war allerdings noch versperrt: Während des Maximums der Eiszeit bedeckten gewaltige Gletscher Nordamerika bis in die Mitte der heutigen USA. Doch das änderte sich mit der allmählichen Eisschmelze am Ende der Eiszeit. Während der Nordpazifik durch den steigenden Meeresspiegel Beringia langsam überflutete, wurden Küstenstreifen nach Nordamerika zunehmend eisfrei und boten den Menschen einen Korridor zur Einwanderung.

 

„Als Ort der Isolation der Urahnen der heutigen Indianer kommt Sibirien wenig in Frage", sagt Co-Autor Dennis O'Rourke von der University of Utah. Es gibt dort keine Gebiete, in denen Menschen so lange vom Rest der asiatischen Bevölkerung abgetrennt gewesen sein könnten. Doch die Buschlandschaften in Beringia waren weit genug von Sibirien entfernt und könnten solche Refugien gebildet haben", sagt der Anthropologe. Ob hier tatsächlich Menschen lebten, lässt sich bisher durch Funde nicht belegen, da die Gebiete heute größtenteils unter Wasser liegen. Möglicherweise könnten aber menschliche Spuren in höher gelegenen Gebieten des ehemaligen Beringia, die heute noch Land sind, die Theorie des „Beringia-Stillstands" weiter belegen, sagen die Forscher.

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