Neandertaler-Kot verrät ihren Speiseplan

Blick auf die Fundstelle des Neandertaler-Kots in El Salt (Ainara Sistiaga)

Kot ist nicht gerade ein beliebtes oder gar verlockendes Thema - doch unsere Ausscheidungen haben beachtlichen Informationsgehalt: Sie können enorm viel darüber verraten, wie wir leben, was wir essen und mit welchen Mikroben wir unseren Darm teilen. Für Archäologen ist daher fossiler Kot unserer Vorfahren geradezu ein Geschenk. Und genau ein solches Geschenk haben Archäologen in Spanien jetzt erstmals von den Neandertalern entdeckt: Die 50.000 Jahre alten fossilen Kotreste geben einen wertvollen Einblick in den Speiseplan unserer eiszeitlichen Vettern. Gleichzeitig sind diese versteinerten Kotkügelchen vermutlich sogar die ältesten bekannten Fossilien menschlicher Ausscheidungen.

Sie kochten schon vor einer Million Jahren mit Feuer, nutzten gezielt Heilpflanzen und waren geschickte Jäger: Die Neandertaler waren mehr als nur tumbe, von vornherein zum Aussterben verurteilte  Vetter des Homo sapiens. Zähne, Knochen und neue Analysemethoden zeigen immer häufiger, wie gut die Eiszeitmenschen an das Leben im damaligen Europa angepasst waren. Allerdings: Was genau auf dem Speiseplan der Neandertaler stand, ließ sich bislang nur indirekt schließen. Vor allem Tierknochen, Speere und andere Jagdwerkzeuge an ihren einstigen Lagerplätzen zeugen davon, dass die Neandertaler vor allem große Pflanzenfresser jagten und deren Fleisch aßen. Lange Zeit galten sie daher als fast reine Fleischfresser, ihre vermeintlich einseitige Ernährung galt sogar zeitweise als ein möglicher Grund für ihr Aussterben vor rund 40.000 Jahren, wie Ainara Sistiaga von der Universität La Laguna auf Teneriffa und ihre Kollegen berichten.

In den letzten Jahren deuten Analysen fossiler Zähne aber daraufhin, dass die Neandertaler zumindest an einigen Orten ihren Speiseplan auch mit Pflanzenkost bereicherten. Dies weckte den Verdacht, dass die Neandertaler vielleicht sehr viel mehr Früchte, Wurzeln, Nüsse  und ähnliches aßen, als es allein anhand der Fossilfunde den Anschein hat. Weil Tierknochen besser erhalten bleiben als Pflanzenreste könnte dies unser Bild des Neandertaler-Speiseplans verzerren, so die Vermutung.

Biomarker als Indiz

Jetzt liefern die versteinerten Kotreste des Neandertalers erstmals einen direkteren Einblick in seine Ernährungsgewohnheiten. Entdeckt haben die Archäologen diese Relikte – winzige Kügelchen, eingebettet ins Sediment – in El Salt nahe der spanischen Stadt Alicante. Dort lagerten vor rund 60.000 bis 45.000 Jahren regelmäßig Neandertalergruppen, davon zeugen die dort gefundenen Steinwerkzeuge und Knochen. Als die Forscher eine Probe aus einer 50.000 Jahre alten Sedimentschicht unter dem Mikroskop untersuchten, fielen ihnen mehrere, nur millimetergroße Kügelchen und Bröckchen auf. Deren Struktur ähnelte stark denen versteinerter Kotreste, wie sie von weitaus jüngeren archäologischen Fundstellen her bekannt waren. Aber konnte es sich wirklich um die Kotreste der damals hier lebenden Neandertaler handeln? Um dies zu klären, analysierten die Forscher die winzigen Relikte mit Hilfe eines Massenspektrometers und suchten dabei speziell nach einem für Kot typischen Biomarker, dem sogenannten 5ß-Coprostanol. Dieses entsteht, wenn Cholesterine durch Mikroben im Darm abgebaut werden.

Wie sich zeigte, enthielten die 50.000 Jahre alten Kügelchen tatsächlich diesen Biomarker, aber auch Reste von Cholesterin und den Abbauprodukten von Pflanzenfetten. Weil der Anteil pflanzlicher und tierischer Nahrung das Verhältnis dieser verschiedenen Verbindungen im Kot beeinflusst, geben sie Aufschluss auf die Ernährung der hier einst lebenden Neandertaler. Und deren Speiseplan war zwar tatsächlich fleischlastig, aber es standen auch Pflanzen darauf: "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Neandertaler von El Salt sowohl Fleisch als auch Pflanzen aßen", berichten die Forscher. Letzteres allerdings in deutlich geringeren Mengen. Das betätigt einerseits die Ergebnisse der früheren Zahnanalysen, zeigt aber auch, dass bisherige Funde ein weniger verzerrtes Bild der Neandertaler-Ernährung geliefert haben als befürchtet – Fleisch war offensichtlich ihre Hauptnahrung. Die Archäologen hoffen nun, durch weitere Untersuchungen der steinzeitlichen Kotreste noch Genaueres über die Lebensweise und Ernährung der Neandertaler herauszufinden.

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