Neandertaler schmausten gebratene Tauben

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Grobmotorische Unholde, die mit Speeren Mammuts hinterher rannten – diese Vorstellung prägte lange Zeit das Image des Neandertalers. Entsprechend vermuteten einige Anthropologen, dass der eingeschränkte Speiseplan ihnen einst zum Verhängnis geworden war: Während der moderne Mensch ein breiteres Nahrungsspektrum nutzte, jagten sie nur große Säugetiere, so die Annahme. Doch einer aktuellen Studie zufolge waren die vermeintlichen Primitivlinge durchaus ebenfalls zu verfeinerten Jagdmethoden in der Lage: Sie fingen Tauben, die sie dann offenbar gebraten verspeisten.

Von was ernährten sich die Neandertaler? Einblicke in den Speiseplan der archaischen Menschen geben Funde von Tierknochen in Höhlen, in denen sie einst lebten. So auch in der Gorham-Höhle in Gibraltar. Dass hier einst Neandertaler hausten, ist durch Funde gut belegt. Auch Reste ihrer Mahlzeiten wurden bereits entdeckt. Nun berichten Ruth Blasco vom Gibraltar Museum und ihre Kollegen allerdings von einem speziellen Leckerbissen: Offenbar nagten die Neandertaler hier einst auch an Knochen einer Taubenart, die als Urform unserer heutigen Stadttaube gilt. Das Ungewöhnliche daran: Man ging bisher davon aus, dass unsere archaischen Verwandten auf Großwild spezialisiert waren – ausgeklügelte Strategien zur Jagd auf flinke Vögel hätten ihnen dagegen nicht gelegen, so die Annahme.

Doch den Untersuchungen der Forscher zufolge müssen die Neandertaler sehr wohl ein Verfahren entwickelt haben, um die Tauben zu erhaschen. Denn den Funden zufolge handelte es sich um eine typische Mahlzeit in der Steinzeithöhle. Die Taubenknochen stammen aus Sedimentschichten, welche die Zeitspanne von vor 28.000 bis 67.000 Jahren umfassen. Der moderne Mensch kam erst vor etwa 40.000 Jahren in der Region an. Demzufolge müssen zumindest ältere Essensreste von Neandertalern stammen, sagen die Forscher. Es sei außerdem nicht davon auszugehen, dass sie die Jagdtechniken von den modernen Einwanderern übernommen hatten.

Dumme Grobmotoriker fangen keine Vögel

Detaillierte Untersuchungen der Forscher ergaben: In 158 Fällen zeigten die Knochen Spuren von Hitzeeinwirkung, bei 28 konnte man Schnittspuren erkennen und 15 Knochen zeigten Nagespuren von menschlichen Zähnen. Die Menge der Funde macht unwahrscheinlich, dass es sich bei den verspeisten Tauben nur um Tiere gehandelt hat, welche die Neandertaler gelegentlich tot auffanden. Vermutlich haben sie die Vögel stattdessen über Jahrtausende hinweg gezielt gefangen und dann gebraten, sagen die Forscher. Wie sie die flinke Beute erwischten, bleibt allerdings unklar. Doch ohne Zweifel können sich die Neandertaler dabei nicht plump angestellt haben. Möglicherweise kletterten sie zu den Nistplätzen der Tauben oder fingen sie mit Netzen aus Gras, spekulieren die Forscher.

Bei dem Ergebnis handelt es sich nun um einen weiteren Mosaikstein, der sich in das neue Bild des Neandertales einfügt. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat nämlich immer deutlicher gezeigt: Die Neandertaler waren eine hochentwickelte Menschenform, die dem Homo sapiens vermutlich durchaus ebenbürtig war. Warum unsere Vorfahren sie schließlich vor rund 40.000 Jahren verdrängen konnten, ist weiterhin eine offene Frage. Dass sie bei der Nahrungsbeschaffung etwas weniger erfolgreich waren, bleibt zwar ein möglicher Grund, doch simple Antworten scheint es auch in diesem Zusammenhang nicht zu geben, belegt die aktuelle Studie. Die Neandertaler waren demnach zumindest nicht völlig auf das Glück bei der Großwildjagd angewiesen.

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