Europäer haben drei Wurzeln

Schädel eines vor rund 7.000 Jahren lebenden europäischen Bauern (Joanna Drath/ University of Tübingen)

In unseren Städten leben heute Menschen aus den unterschiedlichsten Gegenden Europas und der Welt. Aber auch schon vor gut 7.000 Jahren war die Bevölkerung Europas ziemlich "multikulturell". Denn die meisten heutigen Europäer gehen sogar auf drei verschiedene Gruppen von steinzeitlichen Vorfahren zurück, das belegen Erbgut-Analysen alter und moderner DNA. Demnach tragen wir neben dem genetischen Erbe europäischer Jäger und Sammler und eingewanderter Bauern auch DNA von sibirischen Nomadenstämmen in uns. Wann diese nach Europa einwanderten und wie sie sich mit den heimischen Populationen mischten, ist allerdings noch unklar.

Europa wurde im Laufe der Zeit von zahlreichen verschiedenen Kulturen und Völkerstämmen besiedelt. Darunter waren steinzeitliche Jäger und Sammler mit asiatischen Wurzeln, aber auch Nachkommen der ersten eingewanderten Vertreter des Homo sapiens aus Afrika und nicht zuletzt die jungsteinzeitlichen Immigranten, die die Landwirtschaft aus dem Nahen Osten mitbrachten. Wie sich all diese Populationen mischten und zu welchen Teilen sie ihre Spuren in unserem Erbgut hinterließen, war bisher nur in Teilen klar. So ergab eine Studie im Jahr 2013, dass selbst an entgegengesetzten Enden des Kontinents lebende Europäer relativ eng miteinander verwandt sind – sie gehen auf die gleiche Gruppe von vor tausend Jahren lebenden Vorfahren zurück. 2012 stellten Forscher zudem fest, dass es vor 5.000 Jahren noch eine klare genetische Kluft zwischen den ersten Bauern in Nordeuropa und den ebenfalls dort lebenden Jägern und Sammlern existierte.

Wie sich diese bruchstückhaften Einblicke zusammensetzen lassen und auf welche Mischung an Vorfahren die heutigen Europäer zurückgehen, hat nun ein internationales Forscherteam um David Reich von der Harvard Medical School in Boston untersucht. Für ihre Studie sequenzierten die Forscher zunächst das Erbgut von neun Menschen, die vor rund 7.000 bis 8.00 Jahren in Europa lebten. Dazu gehörte das in Deutschland entdeckte Skelett eines frühen Bauern, ein in Luxemburg in einem Felsunterstand ausgegrabener Vertreter einer frühen Jäger-und-Sammler-Kultur und sieben rund 8.000 Jahre alte Skelette von Jägern und Sammlern, die die Schweden gefunden wurden. Die Ergebnisse dieser DNA-Analysen verglichen die Forscher mit dem Erbgut von 2.345 heute lebenden Menschen aus 203 Populationen innerhalb und außerhalb Europas.

Drei statt nur zwei Vorfahrengruppen

Die Analysen ergaben, dass die meisten Europäer nicht nur auf zwei Populationen zurückgehen, wie bisher angenommen -  Jäger und Sammler einerseits und Bauern andererseits. Stattdessen tragen wir Erbgut von drei verschiedenen prähistorischen Menschengruppen in uns. Zum einen sind dies frühe europäische Bauern, die auf aus dem Nahen Osten eingewanderte Vorfahren zurückgehen. Der genetische Anteil dieser Vorfahren liegt im Baltikum bei nur rund 30 Prozent, am Mittelmeer bei 90 Prozent, wie die Forscher berichten. Die zweite Gruppe von Genen stammt von westeuropäischen Jägern und Sammlern, die schon lange vor Ankunft der ersten Bauern Europa besiedelten.

Die dritte Population, deren genetisches Erbe wir in uns tragen, sind ebenfalls Jäger und Sammler, stammen aber aus Asien. Sie gehen auf altsteinzeitliche Bewohner Sibiriens zurück, deren genetisches Erbe sich heute sowohl bei Europäern findet als auch bei den Bewohnern des Nahen Ostens. Ihre Gene sind heute zu bis zu 20 Prozent bei modernen Europäern vertreten, wie die Forscher berichten. Vertreter dieser Menschengruppe müssen demnach irgendwann nach Europa gekommen sein und sich dort mit den heimischen Jägern und Sammlern, aber auch mit den Vorfahren der ersten Bauern  vermischt haben. Wann dies geschah, ist jedoch bisher unklar.

Die Analysen zeigten aber auch, dass es Ausnahme von dieser dreigeteilten Herkunft gibt. So gehen die Bewohner Siziliens, Maltas und die aschkenasischen Juden zu fast 100 Prozent auf nahöstliche Bauern als Vorfahren zurück. Die Samen, die Bewohner Nordwest Russlands und der russischen Republik Mordwinien fallen ebenfalls aus dem Schema heraus. Sie sind enger mit asiatischen Populationen verwandt als mit den restlichen Europäern. Vermutlich gehen sie auf einen späteren Strom von Einwanderern aus Sibirien zurück, wie die Forscher vermuten. Insgesamt unterstreichen diese Ergebnisse damit, dass auch "alteingesessene" Europäer die bewegte Geschichte ihres Kontinents in sich tragen.

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