Gene zeigen 5.000 Jahre europäischer Geschichte

Bronzezeitgrab aus der Zeit um 1200 vor Christus im ungarischen of Ludas-Varjú-dulo (Janos Dani/ Deri Museum, Debrecen)

Die ungarische Steppe ist heute eher ein relativ leeres Randgebiet Europas. Doch von der Steinzeit bis zur Eisenzeit war sie ein wichtiges Zentrum der Entwicklung und ein Schmelztiegel der Kulturen aus Ost und West. Was genau damals geschah und welche kulturellen Innovationen die Einwanderer mitbrachten, hat ein internationales Forscherteam nun anhand von Genanalysen von 13 Skeletten aus fast 5.000 Jahren Besiedlungsgeschichte ermittelt. Dabei stießen die Wissenschaftler auf gleich mehrere interessante Auffälligkeiten.

Die Entwicklung unserer europäischen Vorfahren hat gleich mehrere Meilensteine durchlaufen: In der Jungsteinzeit brachten aus dem Mittelmeerraum einwandernde Bauern erstmals die Landwirtschaft mit und lösten den tiefgreifenden Wandel von jagenden Nomaden zu sesshaften Bauern aus. Mit der Bronzezeit begann die Ära der Waffen und Werkzeuge aus Metallen, die in der Eisenzeit durch die Schmiedekunst weiter fortgeführt wurde. Die ungarische Steppe und ihre Bewohner spielten für diese Veränderungen eine relativ wichtige Rolle. Die große Frage ist jedoch, ob sich mit den neuen kulturellen Errungenschaften dieser Zeiten auch die Zusammensetzung der Bevölkerung änderte. Brachten Einwanderer beispielsweise in der Bronzezeit die Erze, Metallverarbeitungstechniken und damit verbundenen Innovationen aus dem Osten mit oder lernten die Bewohner der europäischen Steppe diese Fertigkeiten durch bloßes Abgucken bei ihren Nachbarn?

Um diese Frage zu klären, analysierten Cristina Gamba vom University College Dublin und ihre Kollegen DNA aus Knochen und Zähnen von 13 Steppenbewohnern, die in der Zeit von vor 5.000 Jahren bis vor 800 Jahren in der Region lebten. Dies lieferte erstmals einen sich über fast 5.000 Jahre erstreckenden Querschnitt der genetischen Merkmale der Bevölkerung in diesem Gebiet.

Ein blauäugiger Außenseiter

Auf die erste Überraschung stießen die Forscher in den Proben zweier Steppenbewohner, die zeitgleich und fast am gleichen Ort vor rund 5.570 Jahren lebten. Beide Skelette wurden in Siedlungsresten ausgegraben, die zur jungsteinzeitlichen Körös-Kultur gehörten und damit zu den ersten sesshaften Bauern der Region. Die DNA des ersten Skeletts ähnelte wie erwartet der von Vertretern anderer sesshafter Bauernkulturen der Jungsteinzeit. Der zweite aber fiel völlig aus dem Rahmen: Obwohl sein Grab inmitten einer Bauernsiedlung lag, gehörte dieser Mann genetisch eindeutig zu den ursprünglicheren Jägern und  Sammlern, wie die Forscher berichten. Und auch äußerlich muss sich dieser rätselhafte Außenseiter von seinen Zeitgenossen unterschieden haben, wie die DNA-Analysen ergaben: Er besaß als einziger blaue statt brauner Augen. Dies deutet nicht nur auf einen direkten Kontakt von Bauern und Nomaden zu dieser Zeit hin, einzelne Jäger und Sammler könnten sogar in die Dörfer der frühen Bauern aufgenommen worden sein, mutmaßen die Forscher.

Die DNA-Analysen zeigten auch, dass es nach der Jungsteinzeit noch zwei weitere Einwanderungswellen in der ungarischen Steppe gab: Im zweiten Jahrtausend vor Christus kamen vermehrt Einwanderer aus Mitteleuropa in die Region. Der in der Bronzezeit florierende innereuropäische Handel brachte sie vermutlich dorthin. Mit Beginn der Eisenzeit, rund 1.000 vor Christus, kehrte sich dies jedoch um: Nun strömten Einwanderer aus den Steppen des Ostens in die Region. Wie die Forscher berichten, passt dies gut zu den archäologischen Funden, denn auch sie deuten auf starke kulturelle Einflüsse der Steppenkulturen hin. So stammen Streitwagen, Pferdekutschen und viele metallurgische Techniken ursprünglich aus Zentralasien.

Eine weitere Überraschung entdeckten die Forscher in Bezug auf die Laktose-Toleranz der ungarischen Steppenbewohner: Bisher nahm man an, dass die Genvariante für die Verarbeitung dieses Milchzuckers durch das Enzym Laktase sich zusammen mit der Landwirtschaft in Europa ausbreitete – also schon vor rund 5.5000 Jahren. Auch die ersten Bauern der Körös-Kultur verarbeiteten schon Milch, wie Milchreste in Keramikgefäßen zeigen. Seltsamerweise aber taucht in den Genen von 11 der 13 untersuchten Skelette diese Genvariante nicht auf, wie die Forscher berichten. Erst die beiden jüngsten Knochenproben, aus der Zeit ab etwa 1.000 vor Christus, besaßen ein funktionierendes Laktase-Gen und konnten demnach Milchzucker abbauen. Wie diese überraschende Verzögerung zu erklären ist, bleibt bisher unklar.

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