Waren die Neandertaler am steinzeitlichen Kultursprung beteiligt?

Lage des Fundplatzes Potočka zijalka (Slowenien) im Hochgebirge (1630 m ü. HN). Der rote Pfeil deutet auf den Höhleneingang. Foto: Luc Moreau, MONREPOS

Ein ganzes Paket kultureller Neuerungen - vor 30 bis 40.000 Jahren machte die Menschheit einen Satz nach vorn: Die erste modern-menschliche Kultur Europas entwickelte sich, das sogenannte Aurignacien. In dieser Zeit verdrängte der eingewanderte moderne Mensch auch den Neandertaler. Zumindest zeitweise müssen die beide Menschenarten allerdings nebeneinander existiert haben. Das warf die Frage auf, ob die Neandertaler auch an der Entwicklung des Aurignacien beteiligt waren oder die entsprechenden Neuerungen nutzten. Neue Untersuchungsergebnisse legen nun nahe, dass das nicht der Fall war.

Die Region zwischen Balkan und Mittelmeer nimmt eine Schlüsselposition für die Untersuchung des Aurignacien ein: Waffenspitzen aus Knochen, Geweih oder Elfenbein, ein wesentliches Merkmal des modern-menschlichen Innovationspakets, wurden hier massenweise entdeckt. Doch bisher gab es offenbar Unklarheiten bei der Zuordnung dieser Funde: „Dass bereits Neandertaler Waffenspitzen aus Knochen, Geweih oder Elfenbein hergestellt haben, möglicherweise in Folge einer Interaktion mit modernen Menschen, ließ sich nach Lage der archäologischen Befunde bislang nicht ausschließen", sagt Luc Moreau vom Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution in Neuwied. Um dieser Frage nachzugehen, haben er und seine Kollegen nun neue Datierungen der Funde vorgenommen.

Ergebnis: Die Altersbestimmungen typischer Knochenspitzen durch die 14C-Methode ergaben ein Alter um 32.000 Jahre. Das spricht den Forschern zufolge eindeutig gegen eine Beteiligung von Neandertalern, denn die Funde sind damit wesentlich jünger als die letzten Nachweise von Neandertaler in dieser Region. Vermutlich wanderten die modern-menschlichen Siedler in ein bereits über einige tausend Jahre unbewohntes Gebiet ein, sagen die Forscher.

Neandertaler - Fehlanzeige

Ein weiterer Schwerpunkt der Forschungsarbeiten lag auf Untersuchungen von Steinwerkzeugen aus der Region. Sie wurden bereits als möglicher Hinweis auf eine kulturelle Kontinuität zwischen Neandertalern und anatomisch modernen Menschen angeführt. Auch in diesem Fall kamen die Forscher aber zu einem negativen Ergebnis: Ihren Analysen zufolge zeigen die Steingeräte keinerlei neandertalertypische Kennzeichen, sondern spiegeln allein charakteristische modern-menschliche Aspekte des Aurignacien wider.

Auch die logistischen Fähigkeiten des modernen Menschen machen sich bei einigen Funden bemerkbar, sagen die Wissenschaftler. Zwei Fundplätze liegen nämlich im alpinen Hochgebirge. Fertige Waffen und Steinrohmaterial wurden hier aus einem über 20 Kilometer entfernten und 500 Höhenmeter tiefer liegenden Flusstal herangeschafft und offenbar sogar gehortet: Allein in der Höhle Potocka zijalka wurden 125 Knochenspitzen gefunden. Dies belegtnach Ansicht der Forscher vorausschauendes Planen und eine ausgefeilte Logistik der Hochgebirgsjäger. „Diese Art des Risikomanagements und die bis ins Detail geordnete Logistik sind typisch modern-menschliche Verhaltensweisen", so der Archäologe Moreau. Neandertalertypisches konnten die Forscher bei ihren Untersuchungen also nicht feststellen. „Es hat mich besonders gereizt, für diese Frage endlich eine solide Diskussionsbasis zu schaffen", so der Wissenschaftler.

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