Steinzeit: Förderten Werkzeuge die Sprache?

Ein Proband versucht, sich die Herstellung von Olduwan-Faustkeilen abzuschauen (Chris Templeton)
DIe fünf Lernvarianten im Vergleich (Laland et al./ Nature Communications)

Was haben Steinwerkzeuge mit der Sprache zu tun? Möglicherweise mehr als man bisher dachte. Denn die Entwicklung immer komplexerer Faustkeile könnte unsere Vorfahren dazu animiert haben, eine verbale Kommunikation zu entwickeln. Gestützt wird diese Vermutung nun durch ein Experiment, bei dem Forscher testeten, wie gut Probanden die Herstellung eines steinzeitlichen Faustkeils mit und ohne sprachliche oder gestische Hinweise lernen. Das Ergebnis: Eine effektive Weitergabe der Fertigkeiten gelang nur mit Hinweisen über Gesten oder Sprache.

Für uns ist es heute selbstverständlich: Wenn wir jemandem etwas beibringen wollen – egal ob eine Sportart oder eine andere Fertigkeit, nutzen wir die Sprache. Wir erklären, wie etwas gemacht wird und begleiten unsere Vorführungen mit erläuternden Bemerkungen. "Erst diese Form der sozialen Weitergabe hat die kumulative Entwicklung einer großen Anzahl von Technologien und Verhaltensweisen möglich gemacht", erklären Thomas Morgan von der University of St. Andrews und seine Kollegen. Durch die Sprache als Methode der Lehre wurde es unseren Vorfahren möglich, auch komplexe Fertigkeiten so zu vermitteln, dass sie sich über Generationen und große Entfernungen hinweg verbreiteten und weiterentwickelt werden konnten. Die frühen Menschen waren immerhin schon vor rund 2,5 Millionen Jahren geschickte Produzenten von Steinwerkzeugen. In der sogenannten Olduwan-Kultur erzeugten sie mehr als 70 scharfe Steinklingen aus Abschlägen eines größeren Steines. "Die Komplexität und auch heutigen Versuche, diese Technik nachzuahmen, deuten darauf hin, dass dies Fertigkeit gelernt und länger geübt werden musste", erklären die Forscher.

Lernen mit und ohne Sprache

Wie dieses Lernen damals jedoch stattfand, ist stark umstritten: Einige Forscher gehen davon aus, dass die Olduwan-Kultur bereits einfache Formen der gezielten Unterweisung und vielleicht sogar der Sprache besaß. Andere halten einen so frühen Beginn der Sprache für unwahrscheinlich und argumentieren, dass sich solche Steinwerkzeuge auch durch bloßes Nachahmen erstellen lassen. Morgan und seine Kollegen sind dieser Frage nun ganz praktisch nachgegangen: Sie prüften in einem Experiment mit 184 Freiwilligen, wie gut sich die Herstellung der Olduwan-Faustkeile durch fünf verschiedenen Lerntechniken weitergeben lässt: durch Nachbau eines fertigen Faustkeils, durch Beobachten des Herstellungsprozesses, durch einfachste Hilfestellungen des Lehrers wie die Korrektur der Haltung oder des Griffes sowie durch Gesten oder verbale Hinweise und Erklärungen.

Das Ergebnis war relativ eindeutig: Zwar gelang es den Teilnehmern in allen fünf Lernformen, mehr oder weniger gute Imitate der Olduwan-Faustkeile herzustellen. Deutliche Fortschritte und qualitativ gute Ergebnisse gab es jedoch nur dann, wenn der Lehrer entweder durch Gesten oder Sprache das korrekte Vorgehen erklären durfte. Als die Forscher prüften, wie gut die Werkzeugherstellung durch die fünf Lehrmethoden über mehrere Personen weitergegeben wird, zeigte sich Ähnliches: Lernten die Schüler jeweils nur durch bloßes, unkommentiertes Abschauen, sank die Leistung schon bei der  zweiten Weitergabe komplett ab. Anders dagegen beim Lernen durch Gesten oder verbale Hinweise: Auch da nahm zwar die Qualität der Faustkeile im Laufe der Kette immer weiter ab, dies geschah jedoch bei weitem nicht so drastisch und schnell.

Anreiz für Fortentwicklung der Kommunikation

"Das zeigt, dass die soziale Weitergabe von Olduwan-Technologie durch gezieltes Lehren und besonders durch Sprache verbessert wird", konstatieren die Forscher. Das bedeute zwar nicht, dass die Frühmenschen vor rund zwei Millionen Jahren tatsächlich schon sprechen konnten. Nach Ansicht von Morgan und seinen Kollegen könnte die Werkzeug-Herstellung aber ein wichtiger Anreiz dafür gewesen sein, komplexere Lehrmethoden und eine sprachliche Kommunikation zu entwickeln. "Steinwerkzeuge waren damit nicht nur ein Produkt der menschlichen Evolution, sie trieben sie auch an", so Morgan. Diese Koevolution könnte bereits während der Olduwan-Kultur vor rund zwei Millionen Jahren begonnen haben und dann später, zur Zeit der nachfolgenden Acheuléen- und Moustérien-Kulturen, weitergeführt worden sein.

Die Ergebnisse der Experimente könnten auch erklären, warum die Steinwerkzeuge des Olduwan sich rund 700.000 Jahre lang nicht nennenswert weiterentwickelten. Erst vor rund 1,7 Millionen Jahren tauchten sehr plötzlich die fortgeschritteneren Faustkeile der Acheuléen-Kultur auf. "Dieses Auftauchen könnte, zumindest zum Teil, die Entwicklung von effektiveren Lehrmethoden widerspiegeln", sagen die Forscher. Gesten und vielleicht sogar eine rudimentäre Proto-Sprache könnten bis dahin schon so weit fortgeschritten gewesen sein, dass die Menschen auch die komplexeren Details dieser Werkzeug-Technik vermitteln und weiterentwickeln konnten. Als Folge machte die kulturelle Entwicklung einen großen Schritt nach vorne.

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